Es ist dieser eine Moment auf dem Weg zum Stall. Ich saß im Auto, die Hände am Lenkrad, und eigentlich hätte ich mich freuen müssen. Stattdessen meldeten sich diese Bauchschmerzen. Die Gedanken liefen schon los, bevor ich überhaupt angekommen war: Was passiert heute? Traue ich mich, aufzusteigen? Was, wenn es wieder so wird wie beim letzten Mal?
Ich liebte mein Pferd. Ich liebte das Reiten. Und genau das machte es so schwer: Die Angst nahm mir etwas weg, das mir unendlich viel bedeutete.
Meine damalige Stute war sehr schreckhaft, und ich bin das eine oder andere Mal gestürzt. Nichts davon war schlimm, kein Krankenhaus, keine bleibenden Blessuren. Aber mein Kopf machte etwas ganz anderes daraus. Jedes Mal auf dem Weg zu ihr lief das gleiche Kopfkino an: das Bild vom Sturz, immer und immer wieder, lange bevor ich überhaupt am Stall war.
Wenn du das kennst, dann bist du damit nicht allein. Angst beim Reiten ist keine Seltenheit und schon gar kein Zeichen von Schwäche. Sie trifft Reitanfängerinnen genauso wie erfahrene Turnierreiter, oft nach einem Sturz, einer Verletzung oder einfach nach einer Phase, in der zu viel zusammenkam.
Was mir damals geholfen hat, war keine Wunderübung. Es war die Erkenntnis, dass ich meine Angst nicht besiegen muss, um wieder reiten zu können.
Merksatz
Angst ist kein Gegner, den du bekämpfen musst. Sie ist ein Signal, das du verstehen darfst.
Genau darum geht es in diesem Artikel. Du erfährst, was Angst beim Reiten in dir auslöst, warum Ankämpfen sie oft stärker macht und mit welchen wissenschaftlich belegten Werkzeugen du Schritt für Schritt zurück zu dem Gefühl findest, für das du das Reiten einmal angefangen hast: Freiheit statt Anspannung.
Was Angst beim Reiten in dir auslöst
Angst ist erst einmal etwas völlig Normales und sogar Nützliches. Sie ist eine Emotion, die bei einer echten oder auch nur vorgestellten Bedrohung anspringt und blitzschnell deinen Körper in Alarmbereitschaft versetzt: Der Puls steigt, die Muskeln spannen an, die Atmung wird flacher. Dieser Mechanismus hat unsere Vorfahren am Leben gehalten, und er will auch dich schützen. Besonders unter Druck, etwa auf dem Turnier, springt dieser Alarm leicht an. Wie du dir dafür generell mehr mentale Stärke aufbaust, liest du in meinen Mentale Stärke im Reitsport: Der Muskel, der kaum trainiert wird.
Das Problem ist nicht die Angst an sich. Das Problem ist, dass dein Gehirn nicht sauber zwischen echter Gefahr und der bloßen Erinnerung an eine Gefahr unterscheidet. Genau das habe ich bei mir selbst erlebt: Meine Stürze waren harmlos, aber der Film davon lief in meinem Kopf trotzdem in Dauerschleife. Und jedes Mal, wenn ich diesen Film sah, reagierte mein Körper, als würde es gerade wieder passieren.
Der entscheidende Punkt dahinter: Nicht die Situation selbst macht dir Angst, sondern wie du sie bewertest. Zwei Reiterinnen können auf demselben Pferd sitzen, dieselbe scheuende Bewegung erleben und völlig unterschiedlich reagieren, weil ihr Kopf die Situation unterschiedlich einordnet.
Merksatz
Jede Angst ist die Folge einer Bewertung. Und Bewertungen kannst du verändern.
Schon in der Antike hat es der Philosoph Epiktet auf den Punkt gebracht: Es sind nicht die Dinge, die uns beunruhigen, sondern unsere Gedanken über die Dinge. Und genau hier liegt deine Chance. Denn an der Gefahr selbst kannst du oft wenig ändern, an deiner Bewertung sehr wohl.
Manchmal steckt hinter der Angst beim Reiten übrigens ein ganz bestimmter Kern: die Angst, die Kontrolle zu verlieren. Wenn du dich darin besonders wiedererkennst, schau dir an, wie du gerade in solchen Momenten souverän bleibst. Ich habe dazu einen eigenen Artikel geschrieben: Angst vor Kontrollverlust beim Reiten? So lieferst du ab.
Deine Angst und dein Pferd
Es gibt einen Grund, warum du deine Angst beim Reiten nicht einfach ignorieren solltest, und er hat mit deinem Pferd zu tun.
Pferde sind Fluchttiere und wahre Meister darin, kleinste Signale zu lesen. Sie spüren, wenn bei dir etwas nicht stimmt, lange bevor du selbst ein Wort darüber verlierst. Das ist kein esoterisches Bauchgefühl, sondern wissenschaftlich untersucht.
Die schwedische Forscherin Linda Keeling hat dazu ein cleveres Experiment gemacht: Reiterinnen und Reiter führten oder ritten ihr Pferd mehrmals dieselbe Strecke. Kurz vor dem letzten Durchgang wurde ihnen gesagt, dass ein Helfer beim Vorbeigehen einen Regenschirm aufspannen würde. Der Schirm wurde nie geöffnet, es passierte objektiv also gar nichts. Trotzdem stieg in diesem letzten Durchgang die Herzfrequenz der Menschen an, weil sie mit dem Schirm rechneten. Und, das ist der spannende Teil: Die Herzfrequenz der Pferde stieg mit, obwohl die Tiere von dem angekündigten Schirm gar nichts wissen konnten.
Deine Anspannung überträgt sich also messbar auf dein Pferd. Ein nervöser Mensch macht das Pferd wachsamer und damit genau die Schreckreaktion wahrscheinlicher, die du eigentlich vermeiden willst.
Das klingt erst einmal nach zusätzlichem Druck, ist aber in Wahrheit eine gute Nachricht. Denn es bedeutet: Wenn du an deiner eigenen inneren Ruhe arbeitest, arbeitest du gleichzeitig an der Sicherheit deines Pferdes. Ihr seid ein Team, und du darfst derjenige sein, der die Ruhe reinbringt.
4 Wege zurück zu mehr Sicherheit
Der Weg aus der Angst ist sehr individuell, und die folgenden Werkzeuge ersetzen weder Reitunterricht noch ein Coaching oder eine Therapie. Aber sie sind ein ehrlicher, wirksamer Startpunkt, mit dem du sofort für dich selbst loslegen kannst. Alle vier sind wissenschaftlich fundiert.
Angstfrei reiten · Mentaltraining
4 Wege zurück zu mehr Sicherheit
Schreib deine Angst aus dem Kopf
Bring die Angst zu Papier und mach sie greifbar.
Gib deinem Kopf eine Aufgabe
Fokus auf die Aufgabe statt aufs Kopfkino.
Nutze dein inneres Ruhebild
Ein starker Moment als Anker vor dem Reiten.
Atme dich ruhig
Länger ausatmen: 4 ein, 8 aus.
Werkzeug 1: Schreib deine Angst aus dem Kopf
Der erste Schritt klingt fast zu einfach: Nimm dir Zettel und Stift und schreibe möglichst genau auf, wovor du Angst hast. Beginne zum Beispiel mit dem Satz „Ich habe Angst vor …“ und werde dann so konkret wie möglich. In welcher Situation taucht die Angst auf? Wo spürst du sie im Körper, im Hals, im Magen, in den Knien?
Was zunächst nach Küchenpsychologie klingt, ist eines der am besten belegten Werkzeuge überhaupt. Der Psychologe James Pennebaker hat in zahlreichen Studien gezeigt, dass das Aufschreiben belastender Erfahrungen, das sogenannte expressive Schreiben, messbar Anspannung reduziert und sogar körperliche Gesundheitsmarker verbessert. Der Grund: Sobald du deine diffuse Angst in Worte fasst, verlässt sie den Modus des endlosen Kopfkinos und wird greifbar. Und was greifbar ist, verliert einen Teil seiner Macht.
Frag dich beim Schreiben ganz konkret: „Was kann ich ändern, damit ich mich sicherer fühle?“ Sobald du eigene Lösungsmöglichkeiten erkennst, spürst du: Du bist deiner Angst nicht ohnmächtig ausgeliefert.
Werkzeug 2: Gib deinem Kopf eine Aufgabe
Wir denken tausende Gedanken am Tag, und der Kopf steht praktisch nie still. Beim Reiten füllt er die Leere oft mit genau dem, was du nicht brauchst: dem negativen Kopfkino. Die Lösung ist, ihm bewusst etwas anderes zu geben, an dem er sich festhalten kann.
Und hier kommt ein entscheidender Trick aus der Sportwissenschaft ins Spiel. Die Forscherin Gabriele Wulf hat über viele Jahre gezeigt, dass ein sogenannter externaler Aufmerksamkeitsfokus die Bewegung deutlich flüssiger und sicherer macht als ein Fokus auf den eigenen Körper. Übersetzt heißt das: Konzentrierst du dich auf die Wirkung deiner Hilfen und auf die Aufgabe, statt auf jeden einzelnen Muskel in dir, reitest du automatisierter und entspannter.
Gib deinem Kopf also eine reiterliche Aufgabe: Reite bewusst eine Hufschlagfigur, arbeite an einem Manöver, gymnastiziere dein Pferd und richte deine Aufmerksamkeit ganz auf diese Aufgabe. Dein Kopf ist beschäftigt, dein Körper wird lockerer, und das negative Kino findet keine freie Leinwand mehr.
Werkzeug 3: Nutze dein inneres Ruhebild
Eine zweite Möglichkeit, deinen Kopf zu lenken, ist ein positives inneres Bild. Überlege dir in Ruhe zu Hause, welcher Moment mit deinem Pferd dir besonders schön und intensiv in Erinnerung geblieben ist. Und dann mache diesen Moment mit allen Sinnen wieder lebendig:
- Was hast du in diesem Augenblick gefühlt und gedacht?
- Wie hat es gerochen?
- Wie warm oder kalt war es an diesem Tag?
- Welche Farben hatte die Umgebung?
- Was hattest du an?
Je lebendiger und detailreicher dein Bild ist, desto besser. Dieses Ruhebild kannst du dir vor dem Reiten bewusst abrufen, und du hast damit einen Anker, der deinem Nervensystem signalisiert: Hier ist es sicher, hier ist es schön.
Werkzeug 4: Atme dich ruhig
Wenn Angst hochkommt, wird deine Atmung schneller und flacher, ganz automatisch. Das Gute daran: Der Weg funktioniert auch andersherum. Über deine Atmung kannst du deinem Körper aktiv das Signal geben, dass er sich beruhigen darf.
Die Technik ist einfach und du kannst sie direkt im Sattel anwenden: Atme bewusst tief in den Bauch ein und zähle dabei bis 4. Dann atme doppelt so lange wieder aus, zähle also bis 8, und lass dabei so viel verbrauchte Luft wie möglich herausströmen. Entscheidend ist die verlängerte Ausatmung.
Deine Atem-Übung
Einatmen · 4 Zählzeiten
Ausatmen · 6 bis 8 Zählzeiten
Entscheidend ist: Die Ausatmung ist immer länger als die Einatmung. Drei bis fünf Runden genügen.
Warum das wirkt, ist gut erforscht. Eine umfangreiche wissenschaftliche Übersichtsarbeit von Andrea Zaccaro und Kolleginnen zeigt, dass langsames, tiefes Atmen den Parasympathikus aktiviert, also den Teil deines Nervensystems, der für Entspannung zuständig ist. Die Folge: Der Puls sinkt, die Muskeln lockern sich, und du kommst spürbar runter. Ein paar bewusste Atemzüge sind manchmal alles, was zwischen Anspannung und Gelassenheit steht.
Kleine Schritte, echter Mut
Angstfrei reiten heißt nicht, nie wieder ein flaues Gefühl zu haben. Es heißt, dass die Angst nicht mehr bestimmt, ob du aufsteigst oder nicht.
Der Weg dorthin beginnt selten mit einem großen Sprung. Er beginnt damit, dass du deine Angst zugibst, statt gegen sie anzukämpfen, dass du sie aufschreibst, deinem Kopf eine Aufgabe gibst, dein Ruhebild abrufst und bewusst atmest. Such dir jemanden, der dich versteht und liebevoll dabei bleibt, dass du Schritt für Schritt weitermachst. Lass dich nicht drängen, und feiere die kleinen Erfolge, denn genau die tragen dich.
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Ich drücke dir die Daumen. Viel Mut und ganz viel Freude zurück im Sattel.
Viele Grüße
Micha
Häufige Fragen zur Angst beim Reiten
Ist Angst beim Reiten normal?
Ja, absolut. Angst ist eine natürliche Schutzreaktion, die bei jedem Menschen vorkommt. Sie tritt beim Reiten besonders häufig nach einem Sturz, einer Verletzung oder in ungewohnten Situationen auf und ist kein Zeichen von Schwäche oder mangelndem Talent.
Spürt mein Pferd meine Angst?
Ja. Studien wie die von Linda Keeling (2009) zeigen, dass sich die Anspannung eines Menschen messbar auf die Herzfrequenz des Pferdes überträgt. Ein nervöser Reiter macht sein Pferd wachsamer. Umgekehrt gilt aber: Wenn du an deiner eigenen Ruhe arbeitest, gibst du auch deinem Pferd Sicherheit.
Wie werde ich die Angst nach einem Sturz wieder los?
Wichtig ist eine Kombination aus reiterlichem Können und mentaler Arbeit. Regelmäßiger Unterricht bei einem erfahrenen Trainer gibt dir Sicherheit, mentale Werkzeuge wie das Aufschreiben der Angst, ein bewusster Aufmerksamkeitsfokus und Atemtechniken helfen deinem Kopf, das Erlebte neu zu bewerten. Bei anhaltender starker Angst kann zusätzlich ein Coaching oder eine Therapie sinnvoll sein.
Kann ich Angst beim Reiten allein überwinden?
Viele erste Schritte kannst du gut allein gehen, etwa mit den vier Werkzeugen aus diesem Artikel. Für tiefsitzende Ängste oder nach einem Trauma ist professionelle Begleitung durch Trainer, Coach oder Therapeut aber der schnellere und sicherere Weg.
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Quellenverzeichnis
- Keeling, L. J., Jonare, L., & Lanneborn, L. (2009). Investigating horse–human interactions: The effect of a nervous human. The Veterinary Journal, 181(1), 70–71. https://doi.org/10.1016/j.tvjl.2009.03.013
- Pennebaker, J. W. (1997). Writing about emotional experiences as a therapeutic process. Psychological Science, 8(3), 162–166. (Überblick: Pennebaker & Smyth, 2016, DOI-Sammlung: https://doi.org/10.1177/1745691617707315)
- Wulf, G. (2013). Attentional focus and motor learning: A review of 15 years. International Review of Sport and Exercise Psychology, 6(1), 77–104. https://doi.org/10.1080/1750984X.2012.723728
- Zaccaro, A., et al. (2018). How Breath-Control Can Change Your Life: A Systematic Review on Psycho-Physiological Correlates of Slow Breathing. Frontiers in Human Neuroscience, 12, 353. https://doi.org/10.3389/fnhum.2018.00353