Reittagebuch führen: Der fehlende Schritt, der aus Notizen Fortschritt macht

zuletzt aktualisiert am: 22. Juli 2026

Inhaltsverzeichnis

Ich wette, ich weiß, wo dein Reittagebuch gerade liegt.

Vielleicht in der Stalltasche, ganz unten. Vielleicht auf dem Regal neben den Turnierschleifen. Ein schönes Notizbuch, gekauft mit den allerbesten Absichten. Die ersten Wochen hast du brav eingetragen: „Heute Zirkel und Übergänge, lief ganz gut. Pferd etwas frisch.“ Zwei Monate später blätterst du zurück und da sitzt du dann, liest deine eigenen Einträge und merkst: Die könnten alle vom selben Tag sein. Du könntest beim besten Willen nicht sagen, was sich seitdem wirklich verbessert hat. Irgendwann bleiben die Seiten leer.

Falls du dich gerade ertappt fühlst: Willkommen im Club. Die meisten Reittagebücher enden genau so. Und ich verspreche dir: Das liegt nicht daran, dass du zu undiszipliniert bist. Es liegt daran, dass ein klassisches Reittagebuch einen Konstruktionsfehler hat, über den kaum jemand spricht.

Ich weiß das so genau, weil ich jahrelang selbst so ein Tagebuch geführt habe. Meine Einträge nach dem Training mit Angelo lasen sich wie Einkaufszettel: aufgezählt, was wir gemacht haben, dazu ein vages „war okay“ oder „war zäh“. Verändert hat das – nichts. Der Wendepunkt kam, als ich anfing, nicht nur nach dem Reiten zu schreiben, sondern schon davor einzuschätzen, wie es heute laufen würde. Plötzlich hatte jeder Eintrag einen Bezugspunkt. Zum ersten Mal wurde in meinen Notizen sichtbar, wo Angelo und ich wirklich standen und was sich bewegte. Und ganz nebenbei habe ich etwas gelernt, das mir vorher niemand beigebracht hatte: auf mich zu hören. Meine Verfassung und mein Können ehrlich einzuschätzen – nicht irgendwann, sondern genau jetzt, für genau dieses Training.

Ein Reittagebuch, das nur rückwärts schaut, dokumentiert. Eines, das auch vorwärts schaut, trainiert.

Genau darum geht es in diesem Artikel: warum die meisten Reittagebücher nichts verändern, welcher eine Schritt das ändert – und wie du dein Trainingstagebuch so führst, dass vor allem jedes Turnier messbar auf dein Konto einzahlt.

Warum die meisten Reittagebücher nichts verändern

Ein klassisches Reittagebuch beantwortet eine einzige Frage: Was haben wir heute gemacht? Das ist Dokumentation. Und Dokumentation allein erzeugt keinen Fortschritt – so ehrlich müssen wir sein.

Dazu kommt ein zweites Problem, und das kennst du aus eigener Erfahrung: Deine Einträge entstehen aus der Erinnerung. Und die sortiert nicht neutral. Emotionale Momente bleiben überproportional hängen, vor allem die unangenehmen. Der eine verpatzte Übergang brennt sich ein, die acht sauberen Manöver drumherum verblassen einfach. Und deine Bewertung verschiebt sich nachträglich je nachdem, wie der Tag endete oder was die Trainerin gesagt hat. Aus einem „eigentlich ganz gut“ wird drei Tage später ein „hätte besser laufen müssen“. Kommt dir bekannt vor, oder?

Das Ergebnis: Einträge, die sich alle ähneln. Ein Bauchgefühl statt einer Bilanz. Und beim Zurückblättern diese leise Enttäuschung, dass sich das Schreiben irgendwie nicht lohnt.

Was fehlt, ist ein fester Bezugspunkt. Eine Messlatte, die du setzt, bevor Adrenalin, Tagesform und fremde Meinungen ihre Spuren hinterlassen.

Der fehlende Schritt: Schreib, bevor du reitest

Der Unterschied zwischen einem Tagebuch, das dokumentiert, und einem, das trainiert, ist ein einziger Schritt: die Prognose.

Bevor du aufsteigst, hältst du kurz schriftlich fest, was du heute erwartest. Nach dem Reiten vergleichst du deine Prognose mit dem, was tatsächlich passiert ist. Dieser Abgleich ist der Moment, in dem Lernen stattfindet. Im Sportmentaltraining nennen wir dieses Vorgehen die Prognose-Feedback-Methode und sie ist das Herzstück eines Reittagebuchs, das seinen Namen verdient.

Dass genau dieser Dreh so wirkungsvoll ist, ist übrigens gut erforscht und das sage ich dir nicht nur, weil es bei Angelo und mir funktioniert hat. Der Bildungsforscher John Hattie hat in einer der meistzitierten Arbeiten zum Thema gezeigt: Feedback gehört zu den stärksten Einflussfaktoren auf Lernen überhaupt. Aber nur, wenn es drei Fragen beantwortet: Wo will ich hin? Wo stehe ich gerade? Und was ist der nächste Schritt? Ein klassisches Tagebuch beantwortet höchstens die mittlere Frage. Erst die Prognose davor und das Feedback danach machen den Kreis rund. Auch die Forschung zu selbstreguliertem Lernen von Barry Zimmerman beschreibt Könnensentwicklung als Kreislauf aus drei Phasen: Vorbereitung mit klarer Erwartung, Ausführung und anschließende Selbstreflexion. Wer diesen Kreislauf bewusst durchläuft, entwickelt sich nachweislich schneller als jemand, der einfach nur viel trainiert.

Merk dir einen Satz: Deine Erinnerung ist kein Messinstrument. Deine Prognose schon.

Und ganz nebenbei trainierst du damit zwei Fähigkeiten, die zum Fundament mentaler Stärke gehören: deine Leistungswahrnehmung, die Fähigkeit, einen Ritt ehrlich zu beurteilen und deine Vorhersagekompetenz, also das Gespür dafür, was heute wirklich abrufbar ist.

So führst du dein Reittagebuch: die fünf Schritte

Keine Sorge, du brauchst dafür keine App und kein System mit zwanzig Feldern. Fünf Schritte, wenige Minuten pro Einheit. Mehr nicht.

Die Prognose-Feedback-Methode

Dein Reittagebuch in 5 Schritten

  1. 1

    Die Prognose vor dem Reiten5 Min.

    Was wird heute gut laufen? Wo wird es schwierig? Und woran erkennst du hinterher eine gute Einheit? Realistisch für heute – nicht für den perfekten Tag.

  2. 2

    Reiten – mit freiem Kopf

    Das Tagebuch bleibt in der Tasche. Im Sattel zählt nur der Moment – deine Prognose wartet geduldig auf dich.

  3. 3

    Der erste Eindruckdirekt danach

    Zwei, drei Sätze gleich nach dem Absitzen – bevor du mit jemandem sprichst oder das Video anschaust. Roh und unverfälscht.

  4. 4

    Der ehrliche Abgleich

    Prognose und Realität nebeneinander – in beide Richtungen. Auch das Manöver, das besser lief als erwartet, gehört auf den Tisch.

  5. 5

    Ein Schluss, nicht zehn

    Genau eine Konsequenz für die nächste Einheit. Konkret genug, dass du damit arbeiten kannst.

Schritt 1: Die Prognose vor dem Reiten

Nimm dir vor dem Aufsteigen fünf Minuten und schreib auf:

  • Was wird heute gut funktionieren? Nenne ein bis zwei konkrete Manöver oder Lektionen.
  • Wo erwartest du Schwierigkeiten? Welcher Übergang, welche Situation?
  • Woran erkennst du hinterher, dass es eine gute Einheit war?

Wichtig dabei: realistisch für heute. Nicht für den perfekten Tag und nicht für die Version von euch, die ihr in drei Monaten sein wollt. Wie du zu so einer ehrlichen Einschätzung kommst, habe ich im Artikel über das richtige Ziele setzen im Reitsport ausführlich beschrieben.

Schritt 2: Reiten – mit freiem Kopf

Das Tagebuch bleibt in der Tasche. Du hast deine Erwartungen festgelegt, und genau deshalb darfst du sie jetzt loslassen. Im Sattel zählt nur der Moment. Die Prognose wartet geduldig auf dich, versprochen.

Schritt 3: Der erste Eindruck, direkt danach

Halte möglichst bald nach dem Absitzen deinen unmittelbaren Eindruck fest – zwei, drei Sätze genügen. Und zwar bevor du mit jemandem sprichst oder das Video anschaust. Dieser rohe erste Eindruck ist Gold wert, denn er ist noch unverfälscht.

Schritt 4: Der ehrliche Abgleich

Jetzt legst du Prognose und Realität nebeneinander. Warst du zu optimistisch, zu vorsichtig – oder überraschend nah dran? Und zwar in beide Richtungen: Auch das Manöver, das besser lief als erwartet, gehört auf den Tisch. Genau dieser Vergleich ist der Moment, in dem dein Tagebuch anfängt, für dich zu arbeiten.

Schritt 5: Ein Schluss, nicht zehn

Zum Abschluss ziehst du genau eine Konsequenz für die nächste Einheit. Nicht fünf, nicht zehn. Eine. „Die Übergänge Trab-Galopp brauchen mehr Vorbereitung“ ist ein Schluss, mit dem du arbeiten kannst. „Ich muss besser reiten“ ist keiner – das wäre nur ein schlechtes Gewissen in Schriftform.

Am Turniertag: dein Tagebuch als Turnierauswertung

Seine ganze Stärke zeigt dieses Reittagebuch am Turnier. Denn nirgends ist die Erinnerung so verzerrt wie nach einem Start – das hast du bestimmt schon selbst erlebt. Adrenalin, Platzierung, Richterurteil und die Stimmen der anderen legen sich innerhalb von Stunden über deinen eigenen Eindruck. Auf der Heimfahrt weißt du manchmal selbst nicht mehr, wie sich der Ritt wirklich angefühlt hat.

Der Ablauf bleibt derselbe: Prognose am Morgen vor dem Start. Erster Eindruck direkt nach dem Ritt. Ehrlicher Abgleich am Abend oder am Tag danach, wenn das Adrenalin abgeklungen ist. Und eine Konsequenz fürs Training. So wird aus dem diffusen „War ganz okay“ auf der Heimfahrt eine klare Antwort: was gut lief, woran es lag und was als Nächstes dran ist.

Über eine Saison hinweg entsteht so etwas, das die wenigsten Reiter besitzen: eine ehrliche Dokumentation der eigenen Fortschritte. Du siehst schwarz auf weiß, was sich entwickelt hat, gerade in den Phasen, in denen sich gefühlt gar nichts bewegt. Deine Prognosen werden treffsicherer, und mit ihnen deine Ziele. Und kein Start ist mehr verloren: Der gelungene bestätigt deine Einschätzung, der missratene liefert dir eine präzise Information darüber, wo die Lücke war.

Das ist der Unterschied zwischen Turniere reiten und aus Turnieren lernen.

Damit du nicht bei jeder Einheit vor einer leeren Seite sitzt, habe ich dir die Methode als fertige Vorlage aufbereitet: Prognose, erster Eindruck, Abgleich und deine eine Konsequenz sind alles auf einer Seite sichtbar.

Nach dem Turnier ist vor dem Turnier

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Fazit: Dein Tagebuch arbeitet jetzt für dich

Erinnerst du dich an das schöne Notizbuch vom Anfang? Das mit den austauschbaren Einträgen und den irgendwann leeren Seiten?

Das Problem war nie deine Disziplin. Das Problem war, dass dein Tagebuch nur rückwärts geschaut hat. Mit der Prognose davor und dem Abgleich danach bekommt jeder Eintrag einen Bezugspunkt – und aus dem Dokumentieren wird Trainieren. Fünf Minuten vor dem Reiten, fünf danach. Mehr braucht es nicht, damit jede Einheit und jeder Start sichtbar auf dein Konto einzahlt.

Das Reittagebuch ist dabei ein Baustein von etwas Größerem: einem mentalen Training, das dich durch die ganze Saison trägt. Wie die Bausteine zusammenhängen und wo du am besten startest, zeige ich dir hier: → Mentaltraining für Westernreiten: souverän in der Showarena

Häufige Fragen zum Reittagebuch

Was schreibt man in ein Reittagebuch?

Die entscheidenden Inhalte sind nicht die Aufzählung der Lektionen, sondern der Vergleich: deine Prognose vor dem Reiten (was wird gut laufen, wo wird es schwierig, woran erkenne ich eine gute Einheit), dein erster Eindruck direkt danach, der ehrliche Abgleich der beiden und genau eine Konsequenz für die nächste Einheit. So wird aus Notizen ein Lerninstrument.

Was bringt ein Trainingstagebuch beim Reiten?

Richtig geführt trainiert es deine Selbsteinschätzung und macht Fortschritte sichtbar, die dir sonst entgehen, weil die Erinnerung verzerrt: Fehler bleiben hängen, Gelungenes verblasst. Die Forschung zu Feedback und selbstreguliertem Lernen zeigt, dass der systematische Abgleich von Erwartung und Ergebnis die Entwicklung messbar beschleunigt.

Wie führe ich ein Reittagebuch, ohne dass es zur Pflichtübung wird?

Halte es klein: fünf Minuten Prognose vor dem Reiten, zwei bis drei Sätze erster Eindruck danach, ein kurzer Abgleich und eine einzige Konsequenz. Eine feste Vorlage hilft dabei enorm, weil du nie vor einer leeren Seite sitzt und nichts vergessen kannst.

Gibt es eine Reittagebuch-Vorlage für Turniere?

Ja. Der Prognose- und Feedbackbogen für Westernreiter bildet genau diese Struktur ab: Prognose vor dem Start, erster Eindruck, ehrliche Auswertung und Konsequenz fürs Training, alles auf einer Seite zum Ausdrucken. Er funktioniert am Turniertag genauso wie im normalen Training.

Quellen

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MentaltGut Training für Westernreiter

Über die Autorin

Michaela Wiesenbacher
Zertifizierte Sportmentaltrainerin · MentalGut.com

Michaela Wiesenbacher ist zertifizierte Sportmentaltrainerin (DMA · DBVS) und selbst aktive Westernreiterin. Was sie heute lehrt, hat sie selbst erlebt: wie Anspannung auf Turnieren direkt auf ihr Pferd übergeht und wie die richtigen mentalen Werkzeuge das von Grund auf verändern. Mit MentalGut begleitet sie ambitionierte Reiterinnen und Reiter dabei, mentale Stärke systematisch aufzubauen: wissenschaftlich fundiert, praxisnah und mit tiefem Verständnis für die besonderen Herausforderungen im Pferdesport.

DMA zertifiziert * DBVS Mitglied * EWU Bayern Sponsor * EWU Baden-Württemberg Sponsor
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