Im Training top, im Turnier schlecht: Warum dein Können nicht weg ist – nur dein Zugriff darauf

zuletzt aktualisiert am: 25. Juli 2026

Inhaltsverzeichnis

Du kennst dieses Gefühl vermutlich zu gut. Zuhause läuft jedes Manöver fast perfekt, dein Pferd reagiert weich und fein, ihr seid ein richtig gutes Team. Dann kommt das Turnierwochenende und plötzlich ist alles hakelig, zäh und verkrampft. Und das Frustrierende daran ist nicht mal das Ergebnis. Es ist das Wissen, dass du es eigentlich kannst.

Ich habe genau das jahrelang selbst erlebt. Mit Angelo lief zuhause vieles mühelos und derselbe Ritt in der Show fühlte sich an, als hätte jemand über Nacht die Verbindung zwischen uns gekappt. Ich saß da und fragte mich ernsthaft, ob ich überhaupt gut genug reiten kann. Meine Antwort damals: mehr trainieren. Also habe ich noch einen Trainingstag, noch einen Durchgang und noch einen Wochenendkurs bei einem bekannten Trainier mehr investiert.

Genau das war aber mein schlimmster Denkfehler. Denn dein Können verschwindet auf dem Turnier nicht. Es ist immer noch komplett vorhanden. Was sich verändert, ist etwas anderes und genau das lässt sich gezielt trainieren.

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Warum du im Training top bist, aber im Turnier schlechter reitest

Im Training bewegst du dich in einer Umgebung, die dein Nervensystem als sicher abgespeichert hat. Du kennst den Platz, die Geräusche, den Boden, dein Pferd ist entspannt, und niemand schaut dir prüfend zu. In diesem Zustand laufen deine Abläufe fast von allein. Genau deshalb fühlt sich Training so mühelos an.

Auf dem Turnier ändert sich schlagartig fast alles. Fremde Anlage, fremde Geräusche, Zuschauer, Zeitdruck, ein Richter, der bewertet. Dein Körper registriert diese Veränderung als Belastung, lange bevor dein Kopf bewusst darüber nachdenkt. Und dann passiert das, was in der Sportpsychologie als Trainingsweltmeister-Effekt bekannt ist: Deine sicher geglaubte Leistung ist im Wettkampf nicht mehr sauber abrufbar.

Bevor du jetzt an dir zweifelst: Das hat nichts mit fehlendem Talent zu tun. Es passiert selbst Reiterinnen und Reitern, die in der Showarena eigentlich jede Lektion im Schlaf beherrschen.

Nicht dein Können verschwindet, sondern dein Zugriff darauf

Das ist der entscheidende Perspektivwechsel, und ich möchte, dass du ihn wirklich mitnimmst: Wenn es im Turnier plötzlich nicht läuft, ist dein Können nicht weg. Es ist noch komplett da. Was sich verändert, ist dein Zugriff darauf.

Unter Anspannung schaltet dein Nervensystem in einen Schutzmodus. Deine Aufmerksamkeit verengt sich, dein Körper wird fester, deine feinen Hilfen werden gröber. Du fängst an, jede Bewegung bewusst zu kontrollieren, obwohl sie im Training längst automatisch abläuft. Genau diese Überkontrolle bremst dich aus. Du willst es besonders gut machen und machst es dadurch schlechter. Verrückt, oder? Aber vollkommen logisch, wenn man versteht, was da im Körper passiert.

Und jetzt kommt der Teil, den nur wenige mitdenken: Dein Pferd spürt das sofort. Es reagiert nicht auf deine guten Vorsätze, sondern auf deinen Körper. Eine festere Hand, ein flacherer Atem, ein verkrampfter Sitz. Deine innere Anspannung überträgt sich direkt in den Sattel, und dein Pferd antwortet darauf mit genau der Unsicherheit oder Hektik, die du eigentlich vermeiden wolltest. Bei Angelo konnte ich das wie unter dem Brennglas beobachten: Je mehr ich wollte, desto fester wurde ich – und desto hektischer wurde er. So entsteht der Kreislauf, der sich anfühlt, als würdet ihr beide auf dem Turnier plötzlich alles verlernen.

Die 3 häufigsten Gründe, warum die Trainingsleistung nicht ankommt

In der Arbeit mit ambitionierten Turnierreiterinnen tauchen immer wieder dieselben drei Muster auf. Schau mal, ob du dich irgendwo wiedererkennst:

1. Dein Training ist zu weit weg vom Turnier. Wenn du immer nur in derselben, vertrauten Umgebung übst, trainierst du dein Können – aber nicht deinen Umgang mit Druck. Der Ernstfall fühlt sich dann völlig neu an, weil du ihn nie geprobt hast.

2. Du fokussierst auf das Ergebnis statt auf den Ablauf. Sobald der Kopf bei der Platzierung, dem Richter oder dem Ergebnis ist, ist er nicht mehr bei dem, was du gerade tust. Der Fokus auf das Resultat zieht dich raus aus dem Moment, in dem die eigentliche Leistung entsteht.

3. Du hast keine Routine, die dich runterbringt. Ohne einen festen mentalen Ablauf vor dem Start entscheidet die Tagesform über deinen Zustand. Mal bist du ruhig, mal überdreht und du hast keinen Hebel, um das gezielt zu steuern.

Wahrscheinlich hast du bei mindestens einem Punkt innerlich genickt. Das ist gut. Denn an jedem einzelnen kannst du konkret arbeiten.

Was du konkret tun kannst

Die gute Nachricht zuerst: Du musst deine Reiterei nicht neu erfinden. Es geht darum, den Zugriff auf dein vorhandenes Können auch unter Druck zu sichern. Drei erprobte Ansätze, mit denen du sofort starten kannst:

Simuliere das Turnier im Training. Bau bewusst Wettkampfnähe ein. Lass jemanden zuschauen, nimm dich mit dem Handy auf, reite deine Aufgabe einmal komplett am Stück ohne Korrektur, oder trainiere bewusst auf einer fremden Anlage. Je vertrauter dir Druck wird, desto weniger wirft er dich um.

Wechsle vom Ergebnis- in den Prozessfokus. Statt dir vorzunehmen, gut zu platzieren, gib dir eine konkrete Aufgabe für den Ablauf. Zum Beispiel: weich durchatmen, den Blick vorausschicken, die erste Zirkellinie ruhig anreiten. Solche Prozessziele halten deine Aufmerksamkeit dort, wo deine Leistung entsteht.

Bau dir eine feste Vorstart-Routine. Ein immer gleicher Ablauf in den Minuten vor der Prüfung gibt deinem Nervensystem Sicherheit. Das kann eine kurze Atemübung sein, ein Bewegungsablauf im Kopf, ein fester Satz, den du dir sagst. Entscheidend ist, dass er jedes Mal gleich ist – damit dein Körper lernt, auf Knopfdruck in deinen Leistungszustand zu finden.

Dein nächster Schritt

Diese Ansätze bringen dich ein gutes Stück weiter. Der Punkt ist nur: Wo genau deine Lücke zwischen Training und Turnier liegt, ist bei jeder Reiterin ein bisschen anders. Bei der einen ist es der Kopf vor dem Start, bei der anderen die Anspannung, die aufs Pferd überspringt.

Wenn du nicht länger raten, sondern gezielt an deiner Stelle ansetzen willst, schau ich mir das mit dir gemeinsam an. In einer Prognose- und Feedback-Review gehen wir deine Turniersituation konkret durch und finden heraus, was dich zwischen Training und Turnier bremst und wo dein größter Hebel liegt.

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Fazit: Im Training gut, im Turnier schlecht muss nicht dein Dauerzustand bleiben

Wenn du eines aus diesem Artikel mitnimmst, dann bitte das: Dein Können verschwindet auf dem Turnier nicht. Es ist da, jederzeit, komplett. Was unter Druck wackelt, ist dein Zugriff darauf und genau der lässt sich trainieren, so systematisch wie ein Sliding Stop oder eine saubere Zirkellinie.

Du hast jetzt drei konkrete Hebel in der Hand: Turniernähe ins Training holen, vom Ergebnis- in den Prozessfokus wechseln und dir eine feste Pre-Ride-Routine aufbauen. Keiner davon braucht Talent. Alle drei brauchen nur eins, dass du sie regelmäßig übst, genauso wie deine Manöver.

Ich weiß, wie sich das anfühlt. Mit Angelo habe ich selbst erlebt, wie zuhause alles mühelos läuft und in der Show plötzlich alles weg ist oder alles hakelig läuft. Und ich habe genauso erlebt, wie sich das mit den richtigen mentalen Werkzeugen von Grund auf verändert. Der Moment, in dem du zum ersten Mal auf dem Turnier so reitest, wie du es kannst der ist jede Trainingsminute wert.

„Im Training gut, im Turnier schlecht“ ist keine Eigenschaft von dir. Es ist ein Zustand. Und Zustände kann man verändern. Versprochen.

Bis bald in der Showarena,

Deine Micha

Häufige Fragen zum Thema im Training gut, im Turnier schlecht

Warum reite ich im Turnier schlechter als im Training?

Weil dein Nervensystem die Turnierumgebung als Belastung einstuft und in einen Schutzmodus schaltet – dein Können ist noch da, aber dein Zugriff darauf ist eingeschränkt. Fremde Anlage, Zuschauer, Bewertung: All das verengt deine Aufmerksamkeit, macht deinen Körper fester und deine Hilfen gröber. Das ist keine Frage von Talent, sondern eine trainierbare Reaktion deines Körpers auf Druck.

Was ist der Trainingsweltmeister-Effekt?

Der Trainingsweltmeister-Effekt beschreibt das Phänomen, dass Sportler ihre im Training sicher abrufbare Leistung im Wettkampf nicht mehr sauber zeigen können. Der Begriff stammt aus der Sportpsychologie und betrifft alle Leistungssportarten – im Reitsport kommt allerdings eine Besonderheit dazu: Dein Pferd spürt deine Anspannung und verstärkt den Effekt zusätzlich.

Merkt mein Pferd, wenn ich auf dem Turnier nervös bin?

Ja – dein Pferd reagiert auf deine körperlichen Stresssignale, oft bevor du sie selbst bewusst wahrnimmst. Eine festere Hand, flacherer Atem, ein verkrampfter Sitz: Dein Pferd unterscheidet nicht zwischen echter Gefahr und Lampenfieber, es antwortet einfach auf das, was du in den Sattel mitbringst. Deshalb wirkt es auf dem Abreiteplatz oft „plötzlich schwierig“, obwohl es eigentlich auf dich reagiert.

Was hilft sofort gegen den Leistungsabfall auf dem Turnier?

Am schnellsten wirkt eine feste Vorstart-Routine: ein immer gleicher mentaler Ablauf in den Minuten vor der Prüfung, zum Beispiel eine kurze Atemübung, ein fester Satz und ein Prozessziel für den Einritt. Mittelfristig brauchst du zwei weitere Bausteine – Turniernähe im Training simulieren und den Fokus vom Ergebnis auf den Ablauf verlegen. Alle drei Werkzeuge findest du oben im Artikel Schritt für Schritt erklärt.

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Über die Autorin

Michaela Wiesenbacher
Zertifizierte Sportmentaltrainerin · MentalGut.com

Michaela Wiesenbacher ist zertifizierte Sportmentaltrainerin (DMA · DBVS) und selbst aktive Westernreiterin. Was sie heute lehrt, hat sie selbst erlebt: wie Anspannung auf Turnieren direkt auf ihr Pferd übergeht und wie die richtigen mentalen Werkzeuge das von Grund auf verändern. Mit MentalGut begleitet sie ambitionierte Reiterinnen und Reiter dabei, mentale Stärke systematisch aufzubauen: wissenschaftlich fundiert, praxisnah und mit tiefem Verständnis für die besonderen Herausforderungen im Pferdesport.

DMA zertifiziert * DBVS Mitglied * EWU Bayern Sponsor * EWU Baden-Württemberg Sponsor
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