Angst vor Kontrollverlust beim Reiten: souverän bleiben, wenn es zählt

zuletzt aktualisiert am: 19. Juli 2026

Inhaltsverzeichnis

Es ist dieser eine Moment. Dein Pferd wird unruhig, spitzt die Ohren, macht einen kleinen Satz zur Seite, und noch bevor du auch nur denken kannst, ist dieses Gefühl da. Dein Herz schlägt schneller, deine Hände klammern sich fester, dein Kopf spielt längst durch, was alles passieren könnte. Und das Schlimmste daran: Du spürst, wie sich deine Anspannung auf dein Pferd überträgt, und genau dadurch wird alles noch enger.

Wenn du das kennst, bist du damit nicht allein. Die Angst, die Kontrolle zu verlieren, ist einer der häufigsten Begleiter im Reitsport, und zugleich einer der leisesten. Leise, weil kaum jemand offen darüber spricht. Auf dem Abreiteplatz lächeln alle, und du hast das Gefühl, als Einzige oder Einziger innerlich zu brodeln.

Ich habe über zwanzig Jahre mit genau diesem Gefühl gelebt. Es hat mir Stück für Stück die Leichtigkeit im Sattel genommen, bis ich an einem Punkt war, an dem ich ernsthaft überlegt habe, das Reiten ganz aufzugeben. Und dann habe ich etwas verstanden, das für mich alles verändert hat: Nicht meine Angst war das eigentliche Problem. Sondern dass mir nie jemand gezeigt hatte, wie ich mit ihr umgehe.

Merksatz

Angst vor Kontrollverlust ist kein Beweis dafür, dass du zu ängstlich für diesen Sport bist. Sie ist der Ort, an dem deine Souveränität beginnt.

Deshalb geht es in diesem Artikel nicht darum, deine Angst einfach wegzumachen. Es geht darum, dass du handlungsfähig bleibst und abrufst, was in dir steckt, gerade dann, wenn der Druck am größten ist, im Training, beim Ausritt und genauso in der Prüfung. Du verstehst zuerst, was in dir passiert, wenn dich dieses Gefühl packt, und danach bekommst du die Werkzeuge, mit denen du ruhig und klar bleibst.

Und je ruhiger du wirst, desto mehr Vertrauen kann dir dein Pferd schenken. Deine Sicherheit überträgt sich direkt auf das Tier unter dir, und genau daraus entsteht die Souveränität, mit der du im entscheidenden Moment lieferst, was in euch beiden steckt.

So wirkt Druck auf Körper und Kopf

Bevor du gegensteuern kannst, lohnt sich ein ehrlicher Blick darauf, was der Druck mit dir macht. Denn Angst ist kein diffuses Etwas, sie wirkt auf vier Ebenen gleichzeitig. Und auf jeder dieser Ebenen kannst du ansetzen.

1

Dein Körper

Herz schlägt schneller, Atmung wird flach, Muskeln verspannen. Die Alarmanlage läuft.

2

Deine Gefühle

Nervosität, Gereiztheit, Überforderung oder Wut. Oft steckt darunter die Angst.

3

Deine Gedanken

Das Kopfkino spielt Worst-Case-Filme und fühlt sich dabei wie die Wahrheit an.

4

Dein Verhalten

Du vermeidest, was dich fordert, oder willst plötzlich alles kontrollieren.

Dein Körper: die Alarmanlage

Sobald dein Gehirn eine Situation als Gefahr einstuft, schaltet dein Körper in den Überlebensmodus. Stresshormone lassen dein Herz schneller schlagen, deine Atmung wird flach, deine Muskulatur verkrampft. Vielleicht kennst du auch einige dieser Begleiter:

  • Schwitzen, Hitzegefühl oder Kälteschauer
  • Engegefühl in der Brust oder Kloß im Hals
  • Magen-Darm-Beschwerden vor wichtigen Terminen
  • Benommenheit, Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit vor dem Turniertag

Das alles ist keine Schwäche, sondern ein uraltes Schutzprogramm. Das Entscheidende ist: Genau diese Körperreaktion ist der Punkt, an dem du am schnellsten eingreifen kannst. Wie, dazu kommen wir gleich.

Deine Gefühle: mehr als nur Angst

Angst zeigt sich selten in Reinform. Oft überlagert sie sich mit Nervosität, Gereiztheit, Überforderung oder sogar Wut. Vielleicht wirst du in bestimmten Situationen mit deinem Pferd regelmäßig ärgerlich und merkst gar nicht, dass darunter eigentlich die Sorge liegt, die Kontrolle zu verlieren. Beobachte dich: Wenn es immer wieder dieselbe Situation ist, die dich auf die Palme bringt, frage dich, was du in diesem Moment wirklich fühlst.

Deine Gedanken: das Kopfkino

Gerade nach einem Sturz oder einem schlechten Erlebnis läuft im Kopf ein Worst-Case-Film ab. Aus einer einzigen Erfahrung wird eine Erwartung: Das passiert bestimmt wieder. Diese Gedanken fühlen sich wie Tatsachen an, sind aber ein Produkt der Angst selbst. Die gute Nachricht: Gedanken sind trainierbar, genau wie ein Muskel.

Dein Verhalten: das Vermeiden

Auf der vierten Ebene wird die Angst sichtbar. Du reitest die einfachere Übung statt der schwierigeren, lässt den Ausritt ausfallen, steigst lieber gar nicht erst auf. Oder das Gegenteil passiert: Du willst alles übermäßig kontrollieren und wirst deinem Pferd gegenüber härter, als du eigentlich sein möchtest. Beides ist verständlich. Und beides kostet dich auf Dauer genau das, wofür du diesen Sport liebst.

Merksatz

Wer versteht, was der Druck mit ihm macht, kann ihn steuern, statt sich von ihm steuern zu lassen.

Dein Pferd spürt alles, und genau das ist deine Chance

Pferde sind als Herden- und Fluchttiere Meister darin, Körpersprache zu lesen. Dein Pferd weiß, wie es dir geht, bevor du es selbst in Worte fassen kannst. Deine flache Atmung, deine verspannten Schultern, dein fester Griff, all das signalisiert ihm: Hier stimmt etwas nicht.

Viele Reiterinnen und Reiter erleben das als Fluch. Ich lade dich ein, es umzudrehen: Dein Pferd ist dein ehrlichstes Feedback. Es zeigt dir in Echtzeit, wie es um deine innere Verfassung steht. Und das bedeutet auch: Jede Übung, mit der du ruhiger wirst, kommt doppelt an, bei dir und bei deinem Pferd. Du arbeitest nie nur an dir. Du arbeitest immer an eurem Team.

Der erste Schritt: annehmen statt wegdrücken

Der wichtigste Schritt klingt unspektakulär und ist doch der schwerste: dir selbst einzugestehen, dass die Angst da ist. Nicht als Niederlage, sondern als Ausgangspunkt.

Solange du gegen das Gefühl ankämpfst oder so tust, als wäre nichts, bindet es deine ganze Energie. In dem Moment, in dem du sagst „okay, da bist du, und ich kümmere mich jetzt darum“, wird aus einem Gegner eine Aufgabe. Und Aufgaben kann man trainieren. Genau das habe ich damals verstanden, als ich kurz davor war aufzugeben: Ich musste nicht mutiger werden. Ich musste nur anfangen, mit meiner Angst zu arbeiten statt gegen sie.

Von der Anspannung zur Souveränität: deine Haltung

Ein guter Startpunkt ist dein Körper selbst. Unter dem Begriff Embodiment versteht die Psychologie das Zusammenspiel von Körper und Psyche: Deine innere Verfassung zeigt sich in deiner Haltung, und umgekehrt kann deine Haltung deine innere Verfassung beeinflussen. Die Forschung zeigt hier messbare, wenn auch moderate Effekte, zum Beispiel darauf, wie sich ein bewusstes Lächeln auf das emotionale Erleben auswirkt (Coles et al., 2019). Es ist also kein Wundermittel, aber ein Hebel, den du jederzeit in der Hand hast.

Für den Stall heißt das ganz praktisch: Bevor du dein Pferd von der Weide holst, richte dich auf. Schultern zurück, Blick nach vorn, ruhiger, bewusster Schritt. Du signalisierst damit nicht nur deinem Pferd Führung und Sicherheit. Du signalisierst sie auch dir selbst.

Dein Werkzeugkasten, um unter Druck abzuliefern

Jetzt zum Herzstück: den Methoden aus dem Sportmentaltraining. Keine davon ist Zauberei, alle sind trainierbar, und ihre Wirkung ist wissenschaftlich gut untersucht. Wichtig ist, dass du sie regelmäßig übst, im ruhigen Moment zu Hause oder im Training, damit sie abrufbar sind, wenn es darauf ankommt.

Atmung: dein schnellster Hebel

Die Atmung ist die einzige Körperfunktion des Stresssystems, die du direkt steuern kannst. Langsames, verlängertes Ausatmen aktiviert nachweislich dein Beruhigungssystem, den Parasympathikus, und senkt die körperliche Stressreaktion (Zaccaro et al., 2018). So geht’s: Atme vier Zählzeiten ein und sechs bis acht Zählzeiten aus. Entscheidend ist, dass die Ausatmung länger ist als die Einatmung. Drei bis fünf Runden reichen oft schon, um spürbar ruhiger zu werden, vor dem Aufsteigen, am Einritt, mitten in der Prüfung.

Deine Atem-Übung

Einatmen · 4 Zählzeiten

Ausatmen · 6 bis 8 Zählzeiten

Entscheidend ist: Die Ausatmung ist immer länger als die Einatmung. Drei bis fünf Runden genügen.

Visualisierung: dein inneres Training

Stell dir so konkret wie möglich vor, wie du die Situation meisterst, die dir sonst Sorgen macht: wie du entspannt sitzt, wie dein Pferd ruhig unter dir läuft, wie ihr die Aufgabe sauber durchreitet. Eine Meta-Analyse über zahlreiche Studien zeigt, dass solche Vorstellungsübungen die sportliche Leistung messbar verbessern, zusätzlich zum normalen Training (Simonsmeier et al., 2021). Mit jeder Wiederholung überschreibst du dein Worst-Case-Kopfkino mit einem neuen Film, deinem Erfolgsfilm.

Affirmationen: deine innere Stimme trainieren

Formuliere Sätze, die dich stärken, und wiederhole sie regelmäßig, zum Beispiel „Ich vertraue mir und meinem Pferd“ oder „Ich bleibe ruhig und klar, egal was kommt“. Wichtig: Formuliere positiv und ohne „nicht“ oder „keine“. Der Satz „Ich habe keine Angst vor dem Traktor“ lenkt deinen Fokus genau auf die Angst. „Ich bleibe in jeder Situation gelassen“ lenkt ihn auf die Gelassenheit. Der Satz muss sich für dich stimmig anfühlen, sonst arbeitet dein Kopf dagegen.

Progressive Muskelentspannung: Anspannung gezielt lösen

Bei dieser Technik spannst du nacheinander einzelne Muskelgruppen für etwa zehn Sekunden an und lässt dann bewusst locker. Studien zeigen, dass Progressive Muskelentspannung Stress und Angst wirksam reduziert (Toqan et al., 2024). Sie eignet sich wunderbar als Routine am Vorabend eines Turniers oder direkt vor dem Reiten, um Körper und Kopf auf Entspannung zu eichen.

Fokus auf die Aufgabe: dem Kopf einen Job geben

Ein ängstlicher Kopf braucht Beschäftigung, sonst produziert er Sorgen. Gib ihm stattdessen eine klare Aufgabe: Überlege dir vor dem Reiten, welche Lektionen oder Hufschlagfiguren du heute arbeiten willst, nutze Pylonen oder Stangen, setze dir kleine, erreichbare Ziele. Und gönn dir und deinem Pferd bewusst Pausen, gerade wenn etwas gut gelaufen ist. So verknüpft ihr beide die Situation mit Erfolg statt mit Stress.

Lächeln: der unterschätzte Klassiker

Versuche mal, gleichzeitig angespannt zu sein und ehrlich zu lächeln. Es funktioniert kaum. Ein bewusstes Lächeln beim Reiten ist ein kleines Werkzeug mit doppelter Wirkung: Es lockert dich, und dein Pferd spürt die Veränderung sofort.

Übung: Souveränität wächst in Schritten

Kein Werkzeug ersetzt Erfahrung. Meistere zuerst kleinere Herausforderungen und taste dich dann an die größeren heran. Und wenn du an eine Grenze stößt, hol dir Unterstützung von einem erfahrenen Trainer, das ist kein Rückschritt, sondern der schnellste Weg nach vorn.

Einen Teil dieser Werkzeuge habe ich dir übrigens kompakt für den Turniertag zusammengestellt, als Sofort-Tools zum direkten Anwenden. Mehr dazu am Ende des Artikels.

Fazit: Souveränität ist erlernbar

Die Angst vor Kontrollverlust muss nicht das letzte Wort haben. Sie ist ein Signal deines Körpers, kein Urteil über dich als Reiterin oder Reiter. Wenn du verstehst, wie sie wirkt, sie annimmst statt wegdrückst und regelmäßig mit den richtigen Werkzeugen arbeitest, passiert etwas Bemerkenswertes: Aus dem Moment, der dich früher gelähmt hat, wird der Moment, in dem du zeigst, was in dir steckt. Ruhig, klar und im Vertrauen mit deinem Pferd. Genau das ist Souveränität, und sie ist trainierbar, Schritt für Schritt.

Wenn du tiefer einsteigen willst, wie Mentaltraining im Westernreiten insgesamt funktioniert, findest du im Grundlagenartikel Mentaltraining für Westernreiten den Überblick über alle drei Säulen meiner Arbeit.

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Häufige Fragen

Ist Angst beim Reiten normal?
Ja. Angst ist eine natürliche Schutzreaktion und im Reitsport weit verbreitet, auch wenn kaum jemand darüber spricht. Entscheidend ist nicht, ob du Angst hast, sondern wie du mit ihr umgehst.

Spürt mein Pferd meine Angst?
Ja. Pferde lesen Körpersprache, Atmung und Muskelspannung sehr genau. Deine Anspannung signalisiert deinem Pferd Gefahr. Umgekehrt überträgt sich auch deine Ruhe, deshalb ist jede Entspannungsübung immer Arbeit am ganzen Team.

Wie werde ich beim Reiten ruhiger?
Der schnellste Hebel ist die Atmung: vier Zählzeiten ein, sechs bis acht aus, die Ausatmung immer länger als die Einatmung. Langfristig helfen Visualisierung, Progressive Muskelentspannung und ein klarer Aufgabenfokus beim Reiten.

Geht die Angst vor Kontrollverlust wieder weg?
Das Ziel ist nicht, nie wieder Angst zu spüren, sondern handlungsfähig zu bleiben, wenn sie kommt. Mit regelmäßigem Mentaltraining verliert die Angst ihre lähmende Wirkung, und an ihre Stelle tritt Souveränität.

Quellen

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MentaltGut Training für Westernreiter

Über die Autorin

Michaela Wiesenbacher
Zertifizierte Sportmentaltrainerin · MentalGut.com

Michaela Wiesenbacher ist zertifizierte Sportmentaltrainerin (DMA · DBVS) und selbst aktive Westernreiterin. Was sie heute lehrt, hat sie selbst erlebt: wie Anspannung auf Turnieren direkt auf ihr Pferd übergeht und wie die richtigen mentalen Werkzeuge das von Grund auf verändern. Mit MentalGut begleitet sie ambitionierte Reiterinnen und Reiter dabei, mentale Stärke systematisch aufzubauen: wissenschaftlich fundiert, praxisnah und mit tiefem Verständnis für die besonderen Herausforderungen im Pferdesport.

DMA zertifiziert * DBVS Mitglied * EWU Bayern Sponsor * EWU Baden-Württemberg Sponsor
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