Der Moment, in dem dein Kopf einfach leer ist
Es ist dieser eine Moment, den du dir hundertmal anders vorgestellt hast. Du reitest ins Pattern ein, dein Pferd ist bei dir, die ersten Manöver sitzen. Und dann, von einer Sekunde auf die andere: nichts mehr. Das Pattern, das du zu Hause im Schlaf aufsagen konntest, ist einfach weg. Kein Zögern, kein langsames Vergessen. Nur ein leerer Raum, wo eben noch ein Plan war.
Wenn du das kennst, bist du nicht allein. Und ich möchte, dass du gleich zu Beginn eines weißt: Du bist vor allem nicht schlecht vorbereitet. Ein Blackout trifft nämlich mit Vorliebe genau die, die es richtig gut machen wollen. Vielleicht ahnst du schon, warum ich das mit solcher Sicherheit sagen kann.
Wenn dein bester Ritt zur Null wird: meine Blackout-Geschichte
Ich erzähle dir, wie ich das gelernt habe. Ranch Riding mit Angelo, und es läuft. Nicht so ein bisschen, sondern richtig. Jedes Manöver kommt, wie es kommen soll, Angelo hört auf Gedanken, ich sitze da und denke: Wow, heute sind wir wirklich ein Team. Dieses Gefühl, wenn alles leicht wird – du kennst es vielleicht. Mittendrin dann ein winziger Aussetzer. Was kommt jetzt? Kurze Leere, dann bin ich gedanklich wieder da und reite weiter, als wäre nichts gewesen. Ich beende das Pattern, grüße den Richter und stutze kurz, weil er mich so seltsam ansieht. Fast tadelnd. Naja, denke ich mir, ist halt so, vielleicht hat er einen schlechten Tag.
Ich reite raus, klopfe Angelo, bin stolz auf uns. Dann stehe ich am Rand und schaue der nächsten Starterin zu. Sie reitet, ich schaue, und plötzlich wird mir eiskalt. Da war ein Manöver. Ein ganzes Manöver, das sie reitet und ich nicht geritten bin. Es fällt mir wie Schuppen von den Augen: Das war kein kleiner Aussetzer. Mein Kopf hat mitten in meinem besten Ritt ein komplettes Stück Pattern gelöscht, und ich habe es nicht einmal gemerkt. Out of pattern. Null Score. Aus dem stolzesten Moment des Tages wurde innerhalb von Sekunden ein Kloß im Hals.
Dein Können war nie das Problem
Was mich danach beschäftigt hat, war nicht die Null auf dem Papier. Es war dieses Gefühl, meinem eigenen Kopf nicht trauen zu können. Vielleicht kennst du diesen Gedanken auch: Auf mich ist einfach kein Verlass. Heute weiß ich, was da passiert ist, und vor allem weiß ich: Es hatte nichts damit zu tun, dass ich mein Pattern nicht konnte. Ich konnte es. Mein Gehirn hat unter Druck nur einen anderen Kanal geschaltet, und auf dem lief mein Pattern gerade nicht.
Dein Blackout zeigt dir, dass dein Gehirn im Turniermodus unter Druck anders arbeitet als zu Hause. Und mit genau diesem Turniermodus kannst du arbeiten.
In diesem Artikel schauen wir uns gemeinsam an, was bei einem Blackout wirklich in dir passiert, warum ausgerechnet das Auswendiggelernte als Erstes verschwindet, was dein Pferd davon mitbekommt und mit welchem Notfallplan du im Ernstfall wieder in den Ritt zurückfindest.
Was in deinem Kopf passiert, wenn plötzlich alles weg ist
Um zu verstehen, warum ein Blackout ausgerechnet dich trifft, wenn es gerade so gut läuft, hilft ein Blick auf zwei Bereiche in deinem Gehirn, die im Turnier zusammenarbeiten müssen. Der eine ist dein Arbeitsgedächtnis. Das ist der Teil, der dein Pattern in der richtigen Reihenfolge bereithält, während du reitest – sozusagen dein innerer Spickzettel, der dir sagt: Erst der Kreis nach rechts, dann der Wechsel, dann das Extended Trot. Der andere ist dein Stresssystem, das anspringt, sobald du unter Druck stehst. Und genau hier liegt das Problem, denn diese beiden Systeme greifen auf dieselben Ressourcen zu.
Arbeitsgedächtnis und Stress: zwei Systeme, ein Engpass
Die Psychologin Sian Beilock hat das mit ihren Untersuchungen zum sogenannten Choking under Pressure eindrucksvoll gezeigt. In ihren Studien zeigte sich etwas, das im ersten Moment paradox klingt: Ausgerechnet die Menschen mit dem besten Arbeitsgedächtnis brachen unter Druck am stärksten ein. Der Grund ist, dass Druck die Kapazität auffrisst, auf die sie sonst für ihre starke Leistung zurückgreifen. Wer viel im Kopf mitlaufen lässt, hat unter Druck also am meisten zu verlieren. Übersetzt auf deinen Ritt heißt das: Je mehr du dein Pattern bewusst im Kopf durchgehst, desto anfälliger ist genau dieser bewusste Abruf, wenn der Druck steigt.
Dazu kommt ein zweiter Mechanismus. Sobald dein Körper in den Turniermodus schaltet, schüttet er Stresshormone aus, allen voran Cortisol. Und Cortisol hat eine unangenehme Eigenschaft: Stress und Cortisol beeinträchtigen den Abruf von gut gelerntem Wissen. Nicht das Wissen selbst verschwindet, sondern die Tür dahin klemmt. Dein Pattern ist noch da. Du kommst im entscheidenden Moment nur nicht mehr ran.
Dein Denkhirn räumt den Platz, der Autopilot übernimmt
Jetzt wird es richtig spannend, denn hier steckt die eigentliche Erklärung für das Unheimliche an meiner Geschichte. Die Hirnforscherin Amy Arnsten hat beschrieben, was unter Druck mit deinem Stirnhirn passiert, also mit dem Teil, der für bewusstes Denken, Planen und das Halten von Reihenfolgen zuständig ist. Ausgerechnet dieser klügste Teil deines Gehirns ist am empfindlichsten gegenüber Stress. Schon milder, unkontrollierbarer Druck lässt ihn innerhalb von Sekunden an Leistung verlieren. Die Botenstoffe, die dein Körper im Turniermodus ausschüttet, schwächen die feinen Netzwerke, die dein Pattern in der richtigen Abfolge zusammenhalten.
Das Faszinierende ist, was im selben Moment stärker wird: die Bereiche für Emotion und für eingeschliffene Gewohnheiten. Dein Gehirn schaltet unter Druck sozusagen vom bewussten Steuern auf Autopilot um. Und genau das erklärt, warum ich einfach weitergeritten bin. Der Teil, der wusste „jetzt kommt Manöver Nummer vier“, war offline. Der Teil, der reiten kann, weil er es mit Angelo tausendfach getan hat, lief einfach weiter. Von außen sah es flüssig aus, von innen fühlte es sich rund an – und trotzdem fehlte ein ganzes Stück. Nicht weil ich schludrig war, sondern weil mein Denkhirn im entscheidenden Moment den Platz geräumt hatte.
Die falsche Schublade: zustandsabhängiges Erinnern
Es gibt noch einen Grund, der besonders unfair wirkt und den kaum jemand erklärt. Dein Gehirn speichert Wissen nicht in einem luftleeren Raum, sondern immer zusammen mit dem Zustand, in dem du gerade steckst. Forscher nennen das zustandsabhängiges Erinnern. Am berühmtesten wurde es durch ein Experiment mit Tauchern, die Wortlisten unter Wasser lernten. Wann konnten sie diese Wörter am besten abrufen? Genau dann, wenn sie wieder unter Wasser waren. An Land war ein Teil davon plötzlich schwerer greifbar.
Übertrage das auf dich. Dein Pattern lernst du zu Hause auf dem Sofa oder locker im Training – entspannt und ruhig. Am Turnier willst du es abrufen, steckst aber in einem völlig anderen Zustand: Puls oben, Hormone oben, Anspannung überall. Dein Gehirn sucht das Pattern in der falschen Schublade, weil es unter ganz anderen Bedingungen abgelegt wurde. Das ist keine Ausrede, sondern ein echter Effekt – mit einer ausgesprochen guten Nachricht im Gepäck: Rufst du dein Pattern schon im Training gezielt unter etwas Druck ab, legst du es in genau der Schublade ab, die du am Turnier auch wieder öffnest.
Dein Pattern ist nicht weg. Es liegt nur in einer Schublade, die du auf dem Turnier gerade nicht aufbekommst.
Zustandsabhängiges Erinnern
Warum du im Turnier anders reitest
Zuhause & Training
Hier legst du dein Pattern ab
Entspannt, Puls ruhig, vertraute Umgebung. Dein Gehirn speichert das Pattern zusammen mit diesem Zustand.
Im Turnier
Hier suchst du es
Puls oben, Anspannung überall. Dein Gehirn sucht in einer Schublade, die unter ganz anderen Bedingungen gefüllt wurde – und kommt nicht ran.
Die gute Nachricht: Übst du dein Pattern schon im Training unter etwas Druck, legst du es in genau der Schublade ab, die du am Turnier auch wieder öffnest.
Dein Pattern ist nicht weg. Die Schublade klemmt nur.
Und deshalb ist der wichtigste Satz dieses Abschnitts dieser – lies ihn ruhig zweimal: Ein Blackout ist eine ganz normale Reaktion deines Gehirns auf Druck und Stress. Und weil er ein Mechanismus ist und keine Charaktereigenschaft, kannst du ihn beeinflussen.
Warum sich die Arbeit am Blackout doppelt lohnt
Es gibt einen Grund, am Blackout zu arbeiten, der weit über deinen Score hinausgeht. Und der sitzt unter dir.
Dein Pferd versteht kein Pattern. Es weiß nicht, ob du gerade Manöver vier oder fünf reitest, und es interessiert sich herzlich wenig für deinen Turniereintrag. Woran es sich orientiert, ist etwas anderes: an dir. An deiner Ruhe, an deiner Klarheit, an dem Gefühl, dass da oben jemand sitzt, der weiß, wo es langgeht. Pferde sind Meister darin, unsere innere Verfassung zu lesen – oft schneller, als uns lieb ist. Das kennst du bestimmt aus dem Alltag: Du steigst gestresst auf, und dein Pferd ist von der ersten Minute an anders.
Und genau hier liegt die schöne Nachricht. Wenn du lernst, einen Aussetzer nicht in Panik kippen zu lassen, sondern ihn in eine ruhige, klare Handlung zu übersetzen, dann verändert das nicht nur deinen Ritt. Es verändert, wer du für dein Pferd bist. Du wirst von einer Reiterin, deren Unsicherheit sich überträgt, zu einer verlässlichen Partnerin. Zu dem Fels in der Brandung, an dem sich dein Pferd festhalten kann, wenn es selbst unsicher wird. Und das ist kein Turniergefühl, das ist etwas, das ihr in jede stressige Situation mitnehmt – ob auf dem Turnierplatz, beim ersten Ausritt an der viel befahrenen Straße oder wenn irgendwo plötzlich ein Regenschirm aufgeht.
Deshalb geht es auf den nächsten Zeilen nicht nur darum, wie du deinen Kopf im Ernstfall wieder klar bekommst. Es geht darum, für dein Pferd der Mensch zu werden, auf den es sich verlassen kann, auch wenn es kurz drunter und drüber geht.
Was du im Training unter Druck abrufst, findest du auf dem Turnier wieder.
Was du gegen den Blackout wirklich tun kannst
Erinnerst du dich an die Schublade? Dein Pattern ist nicht weg, es klemmt nur, wenn der Druck steigt. Genau daran arbeiten wir jetzt, von zwei Seiten. Zuerst räumen wir die Schublade so ein, dass sie seltener klemmt. Und danach bekommst du einen Notfallplan für den Moment, in dem sie es trotzdem tut.
Vorbeugen statt hoffen
4 Werkzeuge gegen den Blackout
Realistische Selbsteinschätzung
Sag vor dem Ritt voraus, was läuft und was wackelt – und gleiche danach ehrlich ab, am besten per Video. In der Lücke dazwischen wächst du.
Pattern unter Druck üben
Zuschauer, laufendes Video, erhöhter Puls, fremder Platz: So räumst du dein Pattern in die Schublade, die du am Turnier öffnest.
Erholung ernst nehmen
Schlaf und Pausen geben deinem Stirnhirn die Reserve, die es unter Druck braucht. Erholung ist Leistungsvorsorge, kein Wohlfühlthema.
Routine & realistische Erwartungen
Ein festes Ritual vor dem Start signalisiert deinem Kopf: Ich kenne das hier. Dazu die Erlaubnis, dass nicht alles glänzen muss.
So hat der Blackout keine Chance.
Teil 1: So räumst du die Schublade richtig ein
Werkzeug 1: Lerne, dich selbst realistisch einzuschätzen
Fangen wir bei dem an, was meine Ranch-Riding-Geschichte im Kern ausmacht: Ich hielt meinen Ritt für perfekt, während ein ganzes Manöver fehlte. Meine Wahrnehmung und meine Leistung klafften meilenweit auseinander. Bevor du jetzt denkst, das könne dir nicht passieren – das ist kein persönlicher Makel, sondern gut untersucht. In einer Auswertung von über 7000 Läufern zeigte sich, dass Sportler ihre eigene Leistung eher überschätzen als unterschätzen. Wir sind von Natur aus keine besonders zuverlässigen Richter über uns selbst.
Die gute Nachricht: Das lässt sich schulen. Dieselbe Untersuchung fand, dass Erfahrung und der Zugang zu regelmäßigem Feedback die Treffsicherheit der Selbsteinschätzung deutlich verbessern. Der Trick heißt Vorhersage und Abgleich. Sag vor deinem Ritt konkret voraus, was gut laufen wird und wo es wackeln könnte. Danach gleichst du ehrlich ab, am besten mit einem Video oder dem Blick von außen. Genau diese Lücke zwischen „so fühlte es sich an“ und „so war es wirklich“ ist der Ort, an dem du wächst. Das ist in meiner Arbeit die Realistische Selbsteinschätzung mit ihren Bausteinen Leistungswahrnehmung und Vorhersagekompetenz, und sie ist der erste Schritt aus dem Blackout heraus, weil du nur trainieren kannst, was du auch klar siehst.
Werkzeug 2: Übe dein Pattern nicht nur im Ruhezustand
Hier schließt sich der Kreis zur Schublade. Wenn du dein Pattern immer nur entspannt zu Hause oder locker im Training abrufst, legst du es in einem Zustand ab, den du auf dem Turnier gar nicht hast. Die Lösung ist so simpel wie unbequem: Ruf es gezielt unter etwas Druck ab, und zwar im passenden Kontext.
Das ist gut belegt. In zwei Experimenten mit erfahrenen Basketball- und Dartspielern hielt nur die Gruppe, die unter Anspannung geübt hatte, ihre Leistung im Anspannungstest, während die andere einbrach. Der Grund: Man gewöhnt sich durch das Üben unter Druck an genau die Prozesse, die im Ernstfall sonst zum Einbruch führen. Für dich heißt das ganz praktisch, so nah wie möglich an die echte Situation heranzukommen: der gleiche Ort, wenn möglich, die gleiche Tageszeit, jemand, der zuschaut und bewertet, ein laufendes Video, ein Pattern nach erhöhtem Puls. Du räumst dein Wissen damit in genau die Schublade, die du auf dem Turnier auch wieder aufziehst. Das ist der Baustein Gewöhnung an Wettkampfsituationen mit Kontext, Stimmung und Bedingung.
Werkzeug 3: Unterschätze deine Erholung nicht
Ein Punkt, der gern übersehen wird, weil er so unspektakulär klingt: Dein Stirnhirn, also genau der Teil, der dir im Blackout wegbricht, ist besonders empfindlich, wenn du müde bist. Schlafmangel trifft ausgerechnet die höheren Denkleistungen und das Arbeitsgedächtnis am stärksten. Ein untererholtes Gehirn hat weniger Reserve, und diese fehlende Reserve ist genau das, was dir im entscheidenden Moment fehlt.
Erholung ist deshalb kein Wohlfühlthema, sondern Leistungsvorsorge. Schlafqualität in den Nächten vor dem Turnier, bewusste Entspannung im Vorfeld und eine ruhige Erholungsphase direkt vor dem Start geben deinem Kopf die Kapazität, die er unter Druck braucht. Weil das ein Thema für sich ist, gehe ich hier nicht in die Tiefe. Wie du deine Erholung rund ums Turnier konkret gestaltest, findest du in meinem Artikel zur Regeneration im Reitsport.
Werkzeug 4: Bau dir eine feste Routine und realistische Erwartungen
Der letzte Präventionsbaustein bringt dich in einen Zustand, in dem das Stirnhirn gar nicht erst überläuft. Eine feste Warm-up- und Konzentrationsroutine wirkt wie ein Ritual, das deinem Kopf signalisiert: Ich kenne das hier, ich bin bereit. Solche Pre-Performance-Routinen sind wissenschaftlich gut abgesichert. Eine Metaanalyse fand für sie einen mittleren bis großen positiven Effekt, gerade unter Druck.
Dazu gehören realistische Erwartungen. Wer mit dem Anspruch „es muss perfekt werden“ in die Bahn reitet, erzeugt genau den Druck, der das Stirnhirn kippen lässt. Ein Ritual, das immer gleich abläuft, und die innere Erlaubnis, dass nicht alles glänzen muss, halten dich in deinem Flow-Zustand statt in der Anspannung. Das sind die Bausteine Flow, Rituale und realistische Erwartungen aus meiner Arbeit.
Teil 2: Der Notfallplan, wenn die Schublade doch klemmt
Und jetzt der Moment, für den du eigentlich hier bist. Es passiert trotzdem, mitten im Pattern, alles weg. Dann brauchst du keine Analyse, sondern drei Handgriffe, die du vorher eingeübt hast.
Wenn die Schublade klemmt
Dein Notfallplan bei Blackout
Drei Handgriffe, die dich zurück in den Ritt bringen – vorher geübt, im Ernstfall automatisch.
-
1
Raus aus dem Kopf, Blick nach außen
Lenk deinen Blick auf einen einzigen festen Punkt: die Pylone deines Patterns, einen Zaunpfosten, das Tor zum Abreiteplatz. Der äußere Anker holt dich aus der Panikspirale.
-
2
Dein Ankerwort
Ein einziges, vorher eingeübtes Wort – „come on“, „go, go, go“ oder „easy“. Keine Motivation, sondern eine Anweisung: zurück in den Handlungsmodus.
-
3
Nur der nächste Schritt
Nicht das ganze Pattern rekonstruieren. Nur eine Frage: Was ist mein nächstes Manöver? Von dort findet sich der Rest meist von selbst.
Nicht das ganze Pattern. Nur der nächste Schritt.
Schritt 1: Raus aus dem Kopf, den Blick nach außen. Im Blackout suchst du meist panisch nach innen, grübelst, bewertest. Das ist ein weiter Blick nach innen, und der macht alles schlimmer. Nach dem Aufmerksamkeitsmodell von Robert Nideffer, das zwei Dimensionen kennt, Weite (breit bis eng) und Richtung (außen bis innen), ist der enge Blick nach außen genau der Modus, in dem eine Handlung in Echtzeit tatsächlich läuft. Lenk deinen Blick also bewusst auf einen einzigen konkreten Punkt in der Bahn: eine Bande, einen Buchstaben, den Pylonen vor dir. Ein fester äußerer Anker holt dich aus der Panikspirale. Das ist Aufmerksamkeitslenkung in Reinform: umschalten von innen-weit auf außen-eng.
Schritt 2: Dein Ankerwort. Jetzt brauchst du ein einziges kurzes Wort, das du dir vorher zurechtgelegt hast. Kein Satz, ein Wort, etwas wie „come on“, „go, go, go“ oder „easy“. Es ist kein Motivationsspruch, sondern eine Anweisung an dich selbst, die den Kopf zurück in den Handlungsmodus schaltet. Eine Metaanalyse über 32 Studien fand für solche Selbstinstruktionen einen positiven mittleren Effekt, der besonders bei fein koordinierten Aufgaben zum Tragen kommt.
Schritt 3: Nur der nächste Schritt, nicht das ganze Pattern. Versuch nicht, den kompletten Ablauf zu rekonstruieren, das überfordert deinen ohnehin schon belasteten Kopf nur noch mehr. Frag dich nur eine einzige Sache: Was ist mein nächstes Manöver? Nicht die nächsten acht, nur das eine nächste. Von diesem einen Schritt aus findet sich der nächste meist von selbst.
Diese drei Schritte klingen einfach, und das sollen sie auch. Ein Notfallplan, den du im Ernstfall erst durchdenken musst, ist keiner. Deshalb gilt für sie dasselbe wie fürs Pattern: einmal verstehen reicht nicht, du übst sie im Training, bis sie von selbst kommen.
Für genau diese Druckmomente, in denen dein Kopf klar bleiben soll, habe ich dir ein kleines Soforthilfe-Paket zusammengestellt. Schnelle Techniken, die du direkt vor dem Einreiten anwenden kannst, ohne lange Vorbereitung.
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Weißt du, was sich seit meiner verpatzten Ranch-Riding-Prüfung wirklich verändert hat? Nicht, dass ich nie wieder einen Aussetzer hätte. Sondern dass ich aufgehört habe, meinem eigenen Kopf zu misstrauen.
Damals stand ich an der Bande, mit diesem Kloß im Hals, und dachte: Auf mich ist einfach kein Verlass. Heute weiß ich, dass das der falsche Schluss war. Mein Kopf hat mich nicht im Stich gelassen, er hat unter Druck genau das getan, was Gehirne unter Druck eben so tun. Das ist kein Makel, den man wegtrainieren muss, sondern ein Mechanismus, den man verstehen und begleiten kann. Und in dem Moment, in dem aus „auf mich ist kein Verlass“ ein „aha, so funktioniert das also“ wird, verändert sich alles. Aus einem Feind wird ein System, mit dem du arbeiten kannst.
Du hast jetzt beides in der Hand. Du weißt, warum die Schublade klemmt, und du hast Werkzeuge, um sie besser einzuräumen und im Ernstfall wieder aufzubekommen. Das Schöne daran ist, dass sich damit nicht nur deine Chancen auf einen sauberen Ritt verbessern. Es verändert, wie du dich auf dem Pferd fühlst. Ruhiger. Klarer. Mit dem stillen Wissen, dass du auch dann handlungsfähig bleibst, wenn es mal kurz eng wird. Und genau dieses Vertrauen ist es, das dein Pferd unter dir spürt.
Der nächste Aussetzer wird vielleicht kommen, irgendwann. Aber er wird dich nicht mehr an der Bande stehen und an dir zweifeln lassen. Er wird nur ein kurzer Moment sein, in dem du weißt, was zu tun ist. Und das ist ein verdammt gutes Gefühl.
Wie es weitergeht
Der Blackout ist nur ein Puzzleteil von vielen. Er hängt zusammen mit Konzentration, mit deiner Wettkampfvorbereitung, mit der Frage, wie du überhaupt in deinen besten Zustand kommst. Wenn du sehen willst, wie diese Bausteine im Westernreiten ineinandergreifen und wo du für dich am besten ansetzt, findest du den großen Überblick in meinem Leitartikel: Mentaltraining für Westernreiten: souverän in der Showarena. Von dort aus kannst du dir genau den Weg heraussuchen, der zu deiner Situation passt.
Viel Erfolg beim nächsten Turnier
Liebe Grüße
Micha
Häufige Fragen zum Blackout im Turnier
Was ist ein Blackout beim Reiten?
Ein Blackout beim Reiten ist ein plötzlicher Gedächtnisaussetzer, bei dem du mitten im Ritt nicht mehr weißt, wie dein Pattern weitergeht, obwohl du es sicher gelernt hast. Er entsteht nicht durch mangelnde Vorbereitung, sondern dadurch, dass dein Gehirn unter Druck den bewussten Abruf von Gelerntem kurzzeitig blockiert.
Warum vergesse ich mein Pattern nur im Turnier und nicht im Training?
Weil dein Gehirn Wissen immer zusammen mit dem Zustand speichert, in dem du es gelernt hast. Zu Hause bist du entspannt, im Turnier stehst du unter Anspannung. In diesem anderen inneren Zustand ist der Zugriff auf das Gelernte erschwert. Dein Pattern ist nicht verschwunden, du kommst im Moment nur schlechter daran.
Was mache ich, wenn ich im Turnier mitten im Pattern einen Blackout habe?
Nutze drei schnelle Schritte: Erstens lenke deinen Blick bewusst auf einen festen äußeren Punkt in der Bahn, um aus der Panik herauszukommen. Zweitens sag dir ein vorher eingeübtes Ankerwort wie „weiter“. Drittens frag dich nur nach deinem nächsten einzelnen Manöver, nicht nach dem ganzen Pattern.
Kann man Blackouts im Turnier verhindern oder wegtrainieren?
Ganz ausschließen lässt sich ein Blackout nie, aber du kannst ihn deutlich seltener machen. Am wirksamsten ist es, dein Pattern gezielt unter leichtem Druck und möglichst nah an der echten Turniersituation zu üben, dazu ausreichend Erholung und eine feste Warm-up-Routine. So gewöhnt sich dein Gehirn an den Zustand, in dem es auf dem Turnier abrufen muss.
Quellenverzeichnis
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