Dein Pferd spürt, wenn du müde bist: Warum Erholung entscheidet, ob du im Turnier ablieferst

zuletzt aktualisiert am: 9. August 2026

Inhaltsverzeichnis

Zu Hause sitzt dein Pattern. Du reitest es sauber und konzentriert, doch am Turniertag ist plötzlich alles anders: Der Puls klettert schon auf dem Abreiteplatz, und in der Prüfung bist du einen Schritt hinter dem, was du eigentlich kannst. Der Grund liegt oft an einer Stelle, die kaum jemand auf dem Zettel hat, nämlich an deiner Erholung vor dem Turnier.

Vielleicht kennst du den Moment auch, in dem der Kopf im Pattern plötzlich das nächste Manöver oder das nächste Trailhindernis vergisst. Du weißt, dass du es kannst, und trotzdem greift es im entscheidenden Augenblick nicht.

Was kaum jemand damit in Verbindung bringt: deine Erholung vor dem Turnier. Ein ausgeruhtes Nervensystem hält deutlich mehr Druck aus, bevor Nervosität die Kontrolle übernimmt. Ein müdes, unterversorgtes Nervensystem ist dagegen schon halb im roten Bereich, bevor du überhaupt in die Arena einreitest.

Dein Puffer unter Druck

Ausgeruht

viel Spielraum

Müde / unerholt

kaum Spielraum

mehr Erholung, mehr Spielraum Schwelle: Lampenfieber & Blackout

„Ein ausgeruhtes Nervensystem hält mehr Druck aus, bevor Lampenfieber und Blackout dich ausbremsen.“

Ich habe das selbst erlebt.

Es war der zweite Turniertag. Der erste war gut gelaufen, Angelo konzentriert, ich in meinem Rhythmus. Doch in der Nacht davor hatte ich kaum geschlafen. Gedanken über das Pattern, über die Richter, über das Wetter, das übliche Kopfkino.

Am nächsten Morgen saß ich im Sattel und merkte es sofort. Mein Atem war flacher, meine Hilfen unruhiger. Und Angelo reagierte direkt. Nicht dramatisch, aber spürbar: weniger Klarheit als am Tag zuvor.

Wir haben trotzdem einen ordentlichen Run hingelegt. Aber ich wusste: Das war vermeidbar.

Genau darum geht es hier. Erholung im Reitsport ist kein Nice-to-have, sondern die Grundlage, auf der dein klarer Kopf am Turniertag überhaupt steht. Dein Pferd liest deinen Zustand, bevor du die erste Hilfe gibst. Bist du müde und angespannt, spürt es das, lange bevor du es selbst bemerkst. Und genau das entscheidet mit, ob du unter Druck abrufst, was du kannst, oder ob dich die Nerven überholen.

Du erfährst, wie du mit gezielter Erholung, besserem Schlaf, echter Entspannung und einer klugen Belastungssteuerung mit klarerem Kopf in die Show gehst und stabil bleibst, auch wenn der Druck am größten ist.

Erholung ist kein Nichtstun, sinnvolle Erholung will gelernt sein

Viele Reiter machen hier denselben Denkfehler: Erholung wird mit Pause gleichgesetzt. Mit Sofa. Mit Nichtstun.

Und ja, manchmal ist genau das nötig. Aber wenn du glaubst, dass echte Erholung von allein passiert, sobald du aufhörst zu trainieren, verschenkst du genau den Spielraum, der dich am Turniertag ruhig hält.

Erholung ist keine passive Phase. Sie ist ein aktiver Prozess und eine Fähigkeit, die du gezielt trainieren kannst.

Ein Reiter, der erholt in die Show einreitet, hat einen klaren Vorteil: Er ist wacher im Kopf, stabiler im Körper und bleibt ruhig, wenn auf dem Abreiteplatz das Chaos losgeht oder im Pattern etwas nicht nach Plan läuft. Genau das überträgt sich unmittelbar auf das Pferd.

Was von außen unscheinbar wirkt, entscheidet im Sattel oft darüber, ob du dein Können abrufst oder ob dich die Nerven überholen.

Die 3 Ebenen der Erholung im Reitsport

Wenn du Erholung wirklich für dich nutzen willst, musst du sie ganzheitlich angehen. Sie wirkt auf drei Ebenen, und erst im Zusammenspiel machen sie dich am Turniertag stabil.

Die 3 Ebenen der Erholung

1

Körperlich

Schlafqualität Pausen am Turniertag Ernährung & Wasser
2

Mental

Kopfkino stoppen Gedankenkreisel unterbrechen Nervensystem beruhigen
3

Emotional

Enttäuschungen verarbeiten Loslassen können Nicht in den nächsten Start mitnehmen

„Erst im Zusammenspiel machen dich diese drei Ebenen am Turniertag wirklich stabil.“

1. Körperliche Erholung

Schlaf ist die Grundlage, aber nicht nur die Dauer zählt, sondern vor allem die Qualität.

Eine unruhige Nacht vor dem Turnier wirkt sich oft stärker aus als ein etwas kürzerer, dafür tiefer Schlaf. Genau hier entscheidet sich, wie stabil dein Nervensystem am nächsten Tag arbeitet und wie viel Druck es aushält, bevor es kippt.

Auch die Pausen zwischen den Ritten sind entscheidend. Wer hier nicht bewusst regeneriert, läuft schneller auf Reserve, als ihm klar ist, und merkt es meist erst im nächsten Start.

Dazu kommen scheinbar banale Faktoren wie Ernährung und Flüssigkeit. Zu wenig Wasser, ein zu voller oder zu leerer Magen, all das zieht deine Konzentration nach unten. Unauffällig, aber wirkungsvoll.

2. Mentale Erholung

Das Kopfkino vor dem Turnier kennen fast alle Reiter. Gedanken an das Pattern, an mögliche Fehler, an die Konkurrenz, und plötzlich ist an erholsamen Schlaf nicht mehr zu denken.

Mentale Erholung heißt nicht, diese Gedanken wegzudrücken. Es geht darum, sie bewusst zu unterbrechen und deinem Nervensystem gezielt Ruhe zu geben. Genau das ist trainierbar.

Mit den richtigen Methoden brauchst du dafür kein stundenlanges Programm, sondern regelmäßig 15 bis 20 Minuten, die den Unterschied machen.

3. Emotionale Erholung

Diese Ebene wird am häufigsten unterschätzt und hat oft den größten Einfluss.

Ein misslungener Ritt, eine unerwartete Bewertung, ein Moment, der nicht wie geplant lief. Wenn du diese Emotionen nicht aktiv verarbeitest, nimmst du sie mit in den nächsten Start. Und genau dort wirken sie weiter, meist als genau die Anspannung, die dich vorher schon Leistung gekostet hat.

Emotionale Erholung heißt nicht, Enttäuschung zu ignorieren. Es heißt, sie bewusst wahrzunehmen, kurz zuzulassen und dann gezielt loszulassen. Das ist keine Nebensache. Das ist eine zentrale Fähigkeit für konstante Leistung im Reitsport.

Was deine fehlende Erholung vor dem Turnier mit deinem Pferd macht

Hier liegt für viele Reiterinnen der entscheidende Wendepunkt.

Du glaubst, du sitzt ruhig im Sattel. Doch dein Nervensystem erzählt eine andere Geschichte.

Wenn du erschöpft bist, verändert sich dein Körper, oft so fein, dass du es selbst kaum bemerkst. Dein Muskeltonus steigt. Dein Atem wird flacher. Deine Hilfen sind eine Spur angespannter als sonst.

Für dein Pferd ist das nicht fein. Für dein Pferd ist es eindeutig. Pferde sind hochsensibel für den körperlichen Zustand ihres Reiters. Sie reagieren nicht auf das, was du bewusst kontrollierst, sondern auf das, was dein Körper unbewusst sendet: Spannung im Sitz, ein veränderter Atemrhythmus, eine unruhigere Hand.

Das ist keine Esoterik, sondern messbar. In einer Studie stieg die Herzfrequenz der Pferde nachweislich mit, sobald der Mensch innerlich angespannter wurde, ohne dass sich äußerlich etwas Sichtbares tat.

Das bedeutet: Nicht deine Technik entscheidet zuerst. Sondern dein Zustand.

Je erholter du in die Show einreitest, desto klarer, ruhiger und verlässlicher wird die Kommunikation mit deinem Pferd. Nicht, weil du plötzlich besser reitest, sondern weil du stabiler bist. Und genau das gibt deinem Pferd Sicherheit, gerade in dem Moment, in dem der Druck am größten ist.

Erholung ist deshalb keine Vorbereitung auf Leistung. Sie ist ein Teil der Leistung.

Drei Übungen, die deine Erholung im Reitsport sofort verbessern

Erholung wird erst dann wirksam, wenn du sie konkret umsetzt. Diese drei Methoden sind einfach, praxiserprobt und lassen sich direkt in deinen Reitsport-Alltag integrieren.

Übung 1: Progressive Muskelentspannung für deine Erholung vor dem Turnier

Die Progressive Muskelentspannung ist eine der wirksamsten Methoden, um körperliche und mentale Anspannung gezielt zu lösen.

Das Prinzip: Du spannst einzelne Muskelgruppen bewusst an und lässt sie danach vollständig los. Genau dieser Kontrast hilft deinem Körper, echte Entspannung wieder wahrzunehmen.

So gehst du vor:

  • Lege dich entspannt hin
  • Spanne nacheinander einzelne Muskelgruppen an, jeweils etwa 5 Sekunden
  • Lasse anschließend bewusst vollständig los
  • Arbeite dich von den Füßen bis zum Gesicht hoch

Dauer: etwa 15 bis 20 Minuten.

Wirkung im Reitsport: Diese Übung signalisiert deinem Nervensystem, dass der Tag abgeschlossen ist. Du schläfst ruhiger und startest stabiler in den nächsten Turniertag.

Übung 2: Das LEA-Prinzip, dein Reset zwischen zwei Prüfungen

Nach einem Ritt, der nicht nach Plan lief, passiert das Typische: Die Anspannung bleibt, der Kopf kreist um den Fehler, und ohne dass du es willst, nimmst du beides mit in den nächsten Start. Genau dafür gibt es einen klaren Ablauf. Das LEA-Prinzip steht für Lösen, Entspannen, Aktivieren und bringt dich in wenigen Minuten aus dem letzten Ritt heraus und in den nächsten hinein.

Wichtig vorweg: Zwischen zwei Prüfungen geht es nicht um Tiefenentspannung. Du willst dich nicht müde machen, sondern nur auf ein normales Energieniveau zurückkommen und dann gezielt wieder hochfahren.

  • Lösen. Löse dich gedanklich vom letzten Ritt, gerade wenn er nicht perfekt war. Atme einmal tief durch, lockere die Muskeln, verabschiede die negativen Gedanken. Ein Satz hilft: „Ich lasse los, was war, und richte mich auf das, was kommt.“
  • Entspannen. Eine kurze, bewusste Erholung, keine Tiefenentspannung. Ruhige Atmung, ruhige Musik, ein paar Schritte mit deinem Pferd. Nur so viel, dass die überschüssige Spannung abfällt und du wieder klar wirst.
  • Aktivieren. Kurz vor dem nächsten Start holst du dich zurück in den Wettkampfmodus. Bewege dich, um den Kreislauf zu wecken, visualisiere deinen nächsten Ritt, nutze dein Aktivierungsbild, eine motivierende Affirmation oder deine Lieblings-Powermusik. So gehst du wach und fokussiert rein, nicht platt und nicht überdreht.

Wirkung im Reitsport: Während andere sich noch über die letzte Prüfung ärgern oder unruhig auf den nächsten Start warten, bist du schon wieder da, wo du hingehörst. Genau der Puffer aus der Grafik weiter oben: ruhig genug, um nicht zu kippen, wach genug, um abzurufen, was du kannst.

Übung 3: Weniger trainieren, mehr sichern. So nutzt du die Woche vor dem Turnier

Kurz vor dem Turnier machen viele Reiter denselben Fehler: Sie wollen noch schnell etwas verbessern und verbeissen sich im Trainigsstress bis kurz vor Abfahrt zum Turnier.

Genau das wirkt oft kontraproduktiv.

In den letzten zwei bis drei Tagen vor dem Wettkampf baust du keine neue Leistung mehr auf. Du riskierst nur, vorhandene Stabilität zu verlieren. Dein Pferd kommt müde an, du kommst angespannt an, und das, was du kurzfristig übst, steht dir im entscheidenden Moment nicht zuverlässig zur Verfügung.

Was du dir bis hierher erarbeitet hast, ist dein Kapital. Die Woche vor dem Turnier ist nicht dazu da, es zu vermehren, sondern es zu sichern.

Mentale Stärke zeigt sich hier ganz konkret: loslassen können, Vertrauen haben und bewusst weniger tun.

So planst du deine Erholung vor dem Turnier

Die letzten Tage vor dem Turnier

3Tage

Letztes vollständiges Training

Ruhig und strukturiert, ohne Druck. Keine neuen Inhalte, keine Schwächen ausbügeln. Zeig, was sitzt, und bau Vertrauen auf.

Stärken zeigen
2Tage

Lockeres Bewegen

Kein Pattern, keine Prüfungsanforderungen. Dein Pferd und du ladet auf, körperlich und mental.

Aufladen
1Tag

Kurzes, positives Training

Wenn überhaupt, nur wenig. Der letzte Eindruck, den ihr voneinander habt, soll ein guter sein.

Positiv abschließen

„Die Woche vor dem Turnier vermehrt dein Können nicht, sie sichert es.“

Der entscheidende Perspektivwechsel

Die zentrale Frage in dieser Phase lautet nicht: „Was muss ich noch verbessern?“

Sondern: „Was brauche ich, um mit dem, was ich habe, stabil an den Start zu gehen?“

Wer diese Frage klar beantworten kann, reitet anders ein. Ruhiger. Fokussierter. Bereiter. Nicht, weil alles perfekt ist, sondern weil das System trägt.

Ein paar dieser Sofort-Tools für den Turniertag habe ich dir kostenlos zusammengestellt, den Link findest du gleich unten.

Was als Nächstes kommt

Erholung schafft die Grundlage. Sie sorgt dafür, dass du mit klarem Kopf und genug Puffer an den Start gehst. Aber was passiert in dem Moment, in dem plötzlich nichts mehr nach Plan läuft?

Wenn dein Pferd anders reagiert als erwartet, dir ein Fehler passiert und dein Kopf droht, nur noch darum zu kreisen, oder wenn du innerhalb von Sekunden handeln musst, statt zu grübeln.

Genau hier entscheidet sich, ob du stabil bleibst oder die Situation dich übernimmt.

Im nächsten Artikel zeige ich dir, wie du dich darauf vorbereitest: mit klaren Handlungsplänen für den Wettkampf, einem Plan A und einem Plan B für kritische Momente, damit du auch dann handlungsfähig bleibst, wenn Improvisation zum Risiko wird.

→ Weiterlesen: Wie Handlungspläne deine Bestleistung abrufbar machen

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Quellen
  • Keeling, L. J., Jonare, L., Lanneborn, L. (2009): Investigating horse-human interactions: The effect of a nervous human. The Veterinary Journal, 181(1), 70–71. Link
  • Zaccaro, A. et al. (2018): How Breath-Control Can Change Your Life. A Systematic Review on Psycho-Physiological Correlates of Slow Breathing. Frontiers in Human Neuroscience, 12, 353. Link
  • Progressive Muskelentspannung nach Jacobson: Systematic Review zur Wirksamkeit bei Stress, Angst und Depression (2024). Link
  • Bundesinstitut für Sportwissenschaft (Hrsg.) (2016): Regenerationsmanagement im Spitzensport (REGman). Ergebnisse und Handlungsempfehlungen. Bonn. Link
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MentaltGut Training für Westernreiter

Über die Autorin

Michaela Wiesenbacher
Zertifizierte Sportmentaltrainerin · MentalGut.com

Michaela Wiesenbacher ist zertifizierte Sportmentaltrainerin (DMA · DBVS) und selbst aktive Westernreiterin. Was sie heute lehrt, hat sie selbst erlebt: wie Anspannung auf Turnieren direkt auf ihr Pferd übergeht und wie die richtigen mentalen Werkzeuge das von Grund auf verändern. Mit MentalGut begleitet sie ambitionierte Reiterinnen und Reiter dabei, mentale Stärke systematisch aufzubauen: wissenschaftlich fundiert, praxisnah und mit tiefem Verständnis für die besonderen Herausforderungen im Pferdesport.

DMA zertifiziert * DBVS Mitglied * EWU Bayern Sponsor * EWU Baden-Württemberg Sponsor
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