Bestleistung im Turnier abrufen: Warum es im Training klappt und in der Prüfung nicht

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Ich habe ma eine ganz direkte Frage an dich: Wie oft hast du nach einem Turnier schon gedacht: zu Hause klappt das doch immer? Warum nicht auf dem Turnier?

Du reitest das Pattern seit Wochen fehlerfrei. Jede Hilfe sitzt. Jeder Übergang ist perfekt. Und dann stehst du vor der Showarena, wartest auf deinen Start, und plötzlich ist der Blackout da: Dein Kopf ist leer. Das Lampenfieber schnürt deinen Hals zu und was eben noch selbstverständlich war, fühlt sich plötzlich ganz weit weg an.

Das ist keine Niederlage oder Schwäche, wenn du diese Erfahrung nutzen willst, dann ist das der Anfang.

Wenn du im Reitsport deine Bestleistung im Wettkampf abrufen willst, brauchst du mehr als Training. Du brauchst einen klaren Plan, der genau dann greift, wenn dein Kopf unter Druck blockiert.

Genau darum geht es in diesem Artikel.

Warum du im Training brillierst, aber im Wettkampf deine Bestleistung nicht abrufen kannst

Ich kenne das aus unzähligen Gesprächen mit Turnierreitern. Das Lampenfieber auf dem Abreiteplatz ist noch okay, aber sobald es in die Showarena geht, kommt der Blackout. Das Pattern ist plötzlich weg. Die Hilfen kommen zu früh oder zu spät. Die Konzentration ist auf alles außer auf das gerichtet, was direkt vor dir liegt.

Was dabei passiert, ist keine Magie: Unter Stress schaltet dein Gehirn in einen Alarmmodus. Der Zugriff auf Erlerntes wird erschwert. Was im Training verankert war, ist plötzlich nicht mehr abrufbar. Und was fehlt, ist in fast allen Fällen kein Können, sondern ein klares Handlungsgerüst.

Eine mentale Blockade im Wettkampf ist der Beweis dafür, dass dein Kopf improvisieren muss, weil kein Plan vorhanden ist, auf den er zurückgreifen kann.

Improvisation kostet Energie. Energie, die du in der Showarena nicht übrig hast.

Was ein Handlungsplan ist – und warum er dich freier macht

Ich sage dir, was ein Handlungsplan nicht ist: keine Packliste für die Turniertasche. Kein Wunschzettel. Und kein Korsett, das dich einengt.

Ein Handlungsplan ist deine mentale Antwort auf eine Situation, bevor diese Situation eintritt. Du denkst einmal gründlich nach, damit du im entscheidenden Moment nicht mehr denken musst.

Ich weiß, das klingt simpel. Aber schau dir ehrlich an, was die meisten Reiter wirklich vorbereiten: ob das Pferd fit ist, ob das Zaumzeug sitzt, ob die Turniertasche vollständig ist. Was in den eigenen Kopf kommt, darüber denkt man seltener nach. Meistens erst dann, wenn es zu spät ist: auf dem Abreiteplatz, während das Herz schneller schlägt und der Verstand anfängt, Szenarien durchzuspielen.

Wenn du das erkennst, dann ist dieser Artikel genau richtig für dich.

In meiner Arbeit in der Wettkampfvorbereitung mit Westernreitern unterscheide ich drei Ebenen, auf denen Handlungspläne wirken. Alle drei sind trainierbar. Und alle drei zusammen machen den Unterschied zwischen dem Reiter, der seine Bestleistung abruft, und dem, der hinterher sagt: Im Training war das doch alles da.

Ebene 1: Dein technischer Plan – das mentale Skript für die Showarena

Stell dir vor, du reitest dein Pattern. Jede Entscheidung, wann du die Hilfe gibst, wie tief der Übergang in den Lope ist, wie weit vor dem Marker du den Sliding Stop vorbereitest, ist im Kopf noch offen. Was passiert? Du verbrauchst Aufmerksamkeit für Planung, die du eigentlich für die Ausführung brauchst.

Genau das verhindert ein mentales Skript.

Im Sportmentaltraining nennen wir das deinen technischen Plan: eine konkrete, vorher festgelegte Beschreibung dessen, was du tun wirst. Nicht als starre Vorschrift, sondern als deinen inneren Fahrplan.

Ein Skript für einen bestimmten Moment im Reining Run könnte bei dir so klingen: „Ich nehme das Tempo raus, atme aus, gebe die Hilfe zur linken Seite und ich warte, bis ich die Reaktion spüre, bevor ich das nächste Signal setze.“

Das ist kein Wunsch. Das ist dein Plan.

So erstellst du deinen technischen Plan:

Geh das Pattern gedanklich durch, aus deiner Reiterperspektive. Schreibe auf, welche Momente kritisch sind, also wo du erfahrungsgemäß zögerst, nachdenkst oder überkorrigierst. Formuliere für genau diese Momente deinen konkreten Handlungssatz. Und dann übst du dieses Skript im Training, bis es sich so vertraut anfühlt, dass du es in der Showarena einfach abrufst.

Eine ausfüllbare Vorlage dazu findest du im Artikel zum mentalen Skript. (→ Link A2 sobald live)

Ebene 2: Dein Wettkampfplan – von morgens bis zum letzten Ritt

Turniertage sind lang. Zwischen deiner ersten Prüfung und der letzten können Stunden liegen. Und ich sage dir aus Erfahrung: Wer diesen Tag nicht plant, lässt sich von ihm treiben.

Deine Wettkampfvorbereitung als Westernreiter endet nicht mit dem Einpacken der Turniertasche. Sie umfasst auch, wie du davor und dazwischen mental in Form bleibst. Das sind die drei Teile, die zusammengehören:

Dein Ablaufplan ist der logistische Rahmen. Wann wird gefüttert, wann geritten, wann ist Pause. Wenn du die Anlage noch nicht kennst, ergänze ihn um die wichtigsten Wege: Wo ist der Abreiteplatz? Wo die Meldestelle? Das klingt trivial, kostet aber genau dann Energie, wenn du sie nicht erübrigen kannst.

Deine Vorbereitungsroutine bringt dich mental in den richtigen Zustand, und zwar nicht erst fünf Minuten vor dem Start, sondern schon zu Hause. Dein Ruhebild, deine Affirmation, eine kurze Atemübung. Was genau das ist, darfst du selbst entscheiden. Wichtig ist nur, dass du es immer wieder nutzt, damit dein Nervensystem lernt: Das Signal kenne ich. Gleich geht es los. Ich bin bereit.

Das LEA Prinzip gilt für die Zeit zwischen deinen Prüfungen: Lösen, Entspannen, Aktivieren. Erst lässt du den letzten Ritt bewusst los, auch wenn er nicht perfekt war, besonders dann. Dann gönnst du dir echte Erholung. Und kurz vor dem nächsten Start aktivierst du dich wieder gezielt.

Wer zwischen zwei Prüfungen noch über die erste grübelt, reitet die zweite mit halbem Akku. Das wäre schade – denn du hast mehr drauf.

Ebene 3: Dein Plan B – weil die Showarena immer für Überraschungen gut ist

Das ist der Teil, den die wenigsten ausarbeiten. Und der am häufigsten gebraucht wird.

Dein Pferd reagiert auf ein Geräusch am Hallentor. Du sitzt nicht ganz richtig vor dem Sliding Stop. Du machst einen Fehler im Pattern und dein Kopf beginnt, nur noch darum zu kreisen, statt sich auf das nächste Manöver zu konzentrieren.

Kennst du das? Dann weißt du, wie schnell sich in diesen Momenten entscheidet, ob du handlungsfähig bleibst oder nicht.

Dein Plan B ist keine Niederlage. Er ist deine Professionalität.

So entwickelst du deinen Plan B:

Frag dich: Was sind deine zwei oder drei häufigsten Stolperstellen? Konkrete Manöver, bestimmte Situationen in der Showarena, typische mentale Reaktionen, die du an dir kennst.

Formuliere dann für jede dieser Situationen deinen kurzen, abrufbaren Handlungssatz:

„Wenn er beim Lope Departure hoppst, atme ich aus, nehme das Tempo raus und setze neu an.“

„Wenn ich einen Fehler mache, sage ich innerlich: Weiter. Und ich konzentriere mich auf das nächste Manöver.“

„Wenn ich merke, dass ich verkrampfe, löse ich die Schultern einmal bewusst und reite dann weiter.“

Du siehst den Unterschied zu einer Hoffnung? Diese Sätze sind vorbereitete Handlungen. Weil du sie vorher formuliert hast, musst du sie im Moment nicht mehr erfinden.

Der Unterschied zwischen erfahrenen Turnierreitern und denen, die gerade anfangen: nicht, dass weniger schief geht, sondern dass sie schneller wieder zurück in ihrem Plan sind. Das kannst du lernen.

Deine Übung für heute

Du brauchst keine lange Sitzung. Nimm dir fünfzehn Minuten und beantworte diese drei Fragen schriftlich:

Erstens: Was sind deine zwei häufigsten Stolperstellen im Pattern? Nicht allgemein. Konkret. Welcher Übergang. Welches Manöver. Welcher Moment in der Showarena.

Zweitens: Wie reagierst du dort meistens? Ehrlich. Nicht wie du reagieren solltest, sondern wie du tatsächlich reagierst.

Drittens: Wie möchtest du stattdessen reagieren? Formuliere das als deinen Handlungssatz, kurz, aktiv und in der Ich Form.

Das ist dein erster Plan B. Und ich verspreche dir: Er ist schon ein echter Unterschied zu dem, was die meisten Reiter mitbringen. Nämlich nichts Schriftliches und nur die Hoffnung, dass es diesmal klappt.

Was dich als nächstes erwartet

Handlungspläne geben dir Struktur für das, was du tust. Die nächste Säule mentaler Stärke geht eine Ebene tiefer: Wie realistisch siehst du dich selbst eigentlich? Deine Selbsteinschätzung ist das Fundament, auf dem alle deine Pläne stehen. Und eine der am häufigsten unterschätzten Fähigkeiten im Turniersport – auch das lässt sich trainieren.

→ Artikel C4: Realistische Selbsteinschätzung – die unterschätzte Grundlage mentaler Stärke

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MentaltGut Training für Westernreiter

Über die Autorin

Michaela Wiesenbacher

Zertifizierte Sportmentaltrainerin · MentalGut.com

Michaela Wiesenbacher ist zertifizierte Sportmentaltrainerin (DMA · DBVS) und selbst aktive Westernreiterin. Was sie heute lehrt, hat sie selbst erlebt: wie Anspannung auf Turnieren direkt auf ihr Pferd übergeht und wie die richtigen mentalen Werkzeuge das von Grund auf verändern. Mit MentalGut begleitet sie ambitionierte Reiterinnen und Reiter dabei, mentale Stärke systematisch aufzubauen: wissenschaftlich fundiert, praxisnah und mit tiefem Verständnis für die besonderen Herausforderungen im Pferdesport.

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