Es war Angelos erstes Turnier. Vier Jahre alt, noch nie eine Showarena von innen gesehen. Und für mich der erste echte Test darin, mentale Stärke aufzubauen nicht nur im Training, sondern genau dann, wenn es darauf ankommt.
Ich kannte ihn gut genug um zu wissen: Er wird nicht kopflos werden. Angelo ist neugierig, fast schon von Natur aus gelassen. Meine Aufgabe war eine andere ich wollte mental so ruhig bleiben, dass er diesen Tag als positives Erlebnis mitnimmt. Ohne Druck. Ohne schlechte erste Erinnerung an den Wettkampf.
In den Tagen vorher habe ich das Pattern visualisiert: Manöver für Manöver, ruhig und klar. Und ich habe mit einer Affirmation gearbeitet, die ich so lange wiederholt habe bis sie sich nicht mehr wie eine Hoffnung anfühlte, sondern wie eine Tatsache:
„Ich bin wie ein Fels in der Brandung und führe dich durch die Prüfung.“
Wir haben die Horsemanship-Prüfung geritten und den ersten Platz belegt. Nicht weil alles perfekt war, sondern weil ich in diesem Moment die Werkzeuge hatte, meine eigene Aufregung zu steuern, statt sie unkontrolliert an Angelo weiterzugeben.
Genau das ist für mich mentale Stärke.
Mentale Stärke im Reitsport bedeutet nicht, keine Aufregung zu spüren
Das ist das hartnäckigste Missverständnis, das ich kenne. Mentale Stärke bedeutet nicht, keine Aufregung zu fühlen. Kein Lampenfieber. Keine Anspannung vor dem Start.
Im Gegenteil: Wer behauptet, vor dem Wettkampf völlig entspannt zu sein, der flunkert oder nimmt es nicht ernst genug.
Die Aufregung kontrollieren zu können ist das,was mentale Stärke ausmacht
Lampenfieber ist ein Zeichen dafür, dass dir etwas wichtig ist. Es ist Energie. Und Energie lässt sich lenken.
Mentale Stärke ist nicht:
- Immer locker und positiv sein, auch das ist eine Maske, keine Stärke
- Fehler einfach ignorieren und weitermachen
- Sich selbst hart antreiben bis etwas klappt
- Ein Talent, das man entweder hat oder nicht
Mentale Stärke ist ein Muskel.
Untrainiert ist er schwach auch bei Menschen, die nach außen souverän wirken.
Trainiert man diesen Muskel, wird er stärker, belastbarer und verlässlicher. Und wie jeder Muskel braucht er regelmäßiges Training mit sinn- und wirkungsvollen Übungen, die auch noch Spass machen dürfen, sogar sollen :-).
Was mentale Stärke wirklich bedeutet
Mentale Stärke ist die Fähigkeit, in Drucksituationen handlungsfähig zu bleiben.
Nicht reaktionslos. Nicht gefühllos. Aber handlungsfähig.
Das bedeutet konkret: Du gerätst unter Druck ein schwieriger Start, ein unruhiges Pferd, eine Bewertung, die du dir anders vorgestellt hast und du verfällst nicht in Panik. Du wirst nicht kopflos. Du hast Methoden zur Hand, mit denen du deine Aufregung steuern kannst, deinen Fokus zurückholst, deinen nächsten Schritt findest.
Mentale Stärke ist für mich auch ein Teil von Resilienz, nämlich der Fähigkeit, nach Rückschlägen wieder aufzustehen. Nicht weil man unverwundbar ist, sondern weil man weiß wie.
Im Reitsport bedeutet das ganz praktisch:
- Du kannst Lampenfieber vor dem Start wahrnehmen, ohne von ihm gesteuert zu werden
- Du kannst nach einem Fehler in der Prüfung weiterreiten, statt mental auszusteigen
- Du kannst dein Pferd mit einer ruhigen, klaren Energie führen – auch wenn du innerlich angespannt bist
- Du kannst nach einem schwierigen Turnier etwas daraus mitnehmen, ohne dich tagelang selbst zu verurteilen
Und vielleicht am wichtigsten: Du kannst unterscheiden, was du kontrollieren kannst und was nicht. Das Wetter, die Richter, das Pferd des anderen nicht dein Einflussbereich. Deine Vorbereitung, deine innere Haltung, dein Umgang mit dem Unerwarteten – das schon
Woraus besteht mentale Stärke – konkret?
Auf der Grundlage ruhen drei erlernbare Fähigkeiten: Selbstregulation, also der bewusste Umgang mit dem eigenen emotionalen und körperlichen Zustand. Innere Sprache, die Selbstgespräche, die deinen Zustand formen, ob du es willst oder nicht. Und Resilienz – die Fähigkeit, nach Fehlern und Rückschlägen weiterzumachen, ohne dich festzubeißen.
Das ist das Fundament. Aber wie wird daraus ein konkretes Trainingssystem?
Das sind die 4 wichtigsten Bereiche für mentale Stärke
In meiner Arbeit mit Westernreitern habe ich vier Felder identifiziert, in denen mentale Stärke konkret trainierbar ist und in denen der Unterschied zwischen guten und sehr guten Starts gemacht wird.
Erholung
Erholungsphasen vor dem Wettkampf, Entspannungstraining und Schlafoptimierung. Wer erholt in die Showarena einreitet, hat einen entscheidenden Vorteil, weil er konzentrierter und fokussierter ist.
Handlungspläne
Bewegungsabläufe und Technik, der Wettkampfablauf als Plan A und ein Plan B für kritische Situationen. Pausengestaltung eingeschlossen. Wer einen Plan hat, muss nicht improvisiern.
Realistische Selbsteinschätzung
Leistungswahrnehmung und Vorhersagekompetenz: Wie gut kennst du dich selbst? Wer sich realistisch einschätzt, setzt realistische Ziele und erlebt dadurch seltener Enttäuschungen.
Gewöhnung an die Wettkampfsituation
Stimmung, Zustand, Kontext, Bedingungen das Unbekannte wird durch gezielte Vorbereitung vertraut. Was du kennst, stresst dich weniger.
Diese vier Felder sind die Grundlage meiner Arbeit bei mentalgut.com, wenn es darum geht mentale Stärke aufzubauen. Jeder Artikel vertieft einen dieser Bereiche, er ist praxisnah, übertragbar und getestet.
Warum der beste Zeitpunkt jetzt ist
Wir warten oft auf den richtigen Moment. Erst wenn das Pferd trainierter ist, wenn die nächste Saison anfängt oder erst wenn ich mehr Zeit habe.
Aber mentale Stärke baut sich nicht über Nacht auf. Sie entsteht durch Wiederholung und durch kleine Übungen, die mit der Zeit zur Gewohnheit werden. dadruch erlebst du immer mehr Momente, in denen du bewusst anders reagierst als bisher.
Das Gute ist, dass du schon heute anfangen kannst, sobald dein nächstes Training beginnt oder beim nächsten Turnierstart. Und dafür reicht eine einzige Übung, die du gerelmäßig anwendest und konsequent umsetzt.
Im nächsten Artikel dieser Reihe geht es um Selbstgespräche, warum sie so viel Einfluss haben und wie du sie gezielt veränderst. Denn das war auch bei Angelo und mir der erste Schritt: nicht weniger Aufregung, sondern ein anderer innerer Dialog.
→ Artikel C2: Selbstgespräche – wie dein innerer Kritiker zum Coach wird